Das Magazin der S-Bahn Hamburg
Die Stimme aus dem Off

Die Stimme aus dem Off

Wer steckt eigentlich hinter den Ansagen aus der S-Bahn?

Wir kennen das alle: Ganz versunken in unseren Gedanken hören wir doch immer auf die Stimme, die uns rechtzeitig sagt, welche Station wir als nächstes mit der S-Bahn erreichen. Aber wer ist die Stimme und wie kommt die auch in die Bahn? Wir sagen es euch!

„Nächste Haltestelle Hamburg Airport. Dieser Zug fährt in wenigen Minuten zurück in Richtung Hamburg-Hauptbahnhof. Unsere Zugfahrt endet dort, wir bitten alle Fahrgäste auszusteigen“, erklingt es freundlich, aber bestimmt aus den Boxen der Linie S1 zum Flughafen. Das ist nur eine von 6.000 Ansagen, die Ingo Ruff im Jahr aufnimmt. Denn er ist wohl die bekannteste Stimme – nicht nur in Hamburg, sondern in ganz Deutschland. Der gebürtige Berliner spricht nämlich alle deutschen Ansagen sämtlicher Regionalbahnen der Deutschen Bahn.

Hamburg Airport

Ingo Ruff

Zu dem Job kam der gelernte Kommunikationselektroniker Anfang der 1990er per Zufall. Es gab keinen Contest oder ein großes Bewerbungsverfahren: Für das neue, automatische Fahrgastinformationssystem der Deutschen Bahn musste eine Stimme gefunden werden. Und zwar schnell. Und so entschied sich Ruffs damaliger Chef im Tonstudio der Bahn ziemlich spontan, aber mit Überzeugung, für die freundliche Stimme von Ingo Ruff und sagte ihm: „Ab heute sprichst du die Ansagen!“ Nach einer professionellen Sprechausbildung folgten die ersten Ansagen für die Deutsche Bahn – und daran hat sich bis heute nichts geändert! Zweimal im Jahr spricht er für circa ein bis zwei Tage alle Ansagen auf, die von der Zentrale in Frankfurt am Main in Auftrag gegeben werden. Hier werden regelmäßig die Ansage-Aufträge der verschiedenen Städte gesammelt. So hört man Ruffs Stimme nicht nur in Hamburg, sondern auch in den S-Bahnen in Berlin, Köln, Stuttgart, Dresden, Mitteldeutschland, Nürnberg, Rostock, Rhein-Neckar und Rhein-Ruhr und in allen Regionalzügen, die bundesweit unterwegs sind.

Alkohol- und Rauchverbot

Ingo Ruff

Bei so vielen unterschiedlichen Regionen gibt es auch zig verschiedene Aussprachen. Woher weiß Ingo Ruff, wie er eine Station aussprechen muss? „Die einzelnen Regionen stellen uns Kontakte zur Verfügung und die rufen wir dann an.“ Ruff lässt sich also von sogenannten „Native Speakers“ die einzelnen Stationen vorlesen und imitiert den Wortlaut der unterschiedlichen Regionen. Dabei wird jede Ansage in der Regel dreimal wiederholt, bis der Tontechniker im Aufnahmestudio die Ansagen auch ohne die kleinsten Zungenschnalzer und unpassenden Lippengeräusche auf Band hat. Für den Berliner sind gerade nordisch ausgesprochene Stationen immer wieder eine Herausforderung: „Klassiker sind dann Namen wie Fischbek! Das übe ich dann vor der Aufnahme ein paar Mal“, gibt der 50-Jährige gerne zu. Bei seinen Ansagen muss Ruff stets freundlich und deutlich klingen und darf die Stationen natürlich nicht zu schnell aussprechen. Aber Ingo Ruff ist nicht nur die Stimme aus der Bahn: Der Berliner besitzt eine eigene Veranstaltungsagentur und tritt auch regelmäßig auf Messen und Veranstaltungen im Auftrag der Deutschen Bahn als Moderator auf. Da trifft er auch immer wieder auf seine Fans – denn der Berliner ist gefragt! Wünsche nach einem Selfie oder einer persönlichen Ansage aufs Handy sind dabei nichts Neues für Ingo Ruff.

Die Stimme aus dem Off

Aber warum ist die bekannteste Stimme Deutschlands eigentlich die eines Mannes?

Professionelle Messungen haben ergeben, dass sich eine männliche Stimme bei den vielen Nebengeräuschen der Züge und Menschen einfach besser durchsetzen kann. Sie dringt auch im größten Trubel eher zu den Fahrgästen durch. Dennoch war klar, dass für die englischen Ansagen ein Kontrast zu Ruffs Stimme gefunden werden musste, damit diese nicht nach der deutschen Ansage untergehen.

Und die zu finden, war gar nicht so einfach. Aber seit 2014 ist Yvette Coetzee-Hannemann das englische Pendant zu Ingo Ruff in Hamburg. „Damit haben wir auf die Wünsche von Kunden reagiert, die sich für die englischsprachigen Ansagen eine Muttersprachlerin gewünscht haben“, erklärt Sebastian Rodenberg, Leiter Kundenkommunikation und Servicequalität bei der S-Bahn Hamburg. Die deutsche Schauspielerin ist in Südafrika geboren und spricht somit fließend Deutsch und Englisch. Die Ansagen für die S-Bahn Hamburg waren auch für sie eine neue Erfahrung. Denn manche Stationsnamen in Hamburg haben es selbst für eine erfahrene Sprecherin in sich. Von wegen: Einfach mal schnell ein paar Stationen aufsagen!

Die Stimme aus dem Off

Gepäck in Hamburg

Ingo Ruff & Yvette Coetzee-Hannemann

Und wie kommen dann die Ansagen in die Bahn?

Die Ansageaufnahmen werden von DB Systel, dem Anbieter von Informations- und Telekommunikationsdiensten der Deutschen Bahn AG, in Auftrag gegeben. Durchschnittlich zweimal im Jahr zu den Fahrplanänderungen im Juni und im Dezember bekommen die Sprecher eine lange Liste mit neuen Stationen und Wünschen zu Sonderansagen wie „Bitte geben Sie auf Ihr Gepäck acht und lassen Sie es nicht unbeaufsichtigt.“ Diese werden dann in einem Studio aufgenommen und an die Fahrzeugtechniker der verschiedenen S-Bahnen Deutschlands geschickt. In den Zügen sind sogenannte FIS (Fahrzeuginformationssystem)-Computer installiert. Die festgelegten Ansagen (laut Fahrplan) werden dann auf einer externen Speicherkarte hinterlegt. Das Aufspielen der einzelnen Ansagen erfolgt in den Werkstätten, da die FIS-Computer nur dort zugänglich sind. Handwerker stecken die Speicherkarte mit den entsprechenden Ansagen in den dafür vorgesehenen Port und starten den Aktualisierungsautomatismus. Nach einem kurzen Check geht die Bahn anschließend mit der richtigen Ansage auf „ihre“ Strecke. So wird dann aus einem Zug beispielsweise die Linie S1 oder S3.

Die Abstände zwischen den Stationen sind ebenfalls in den FIS-Daten hinterlegt. Ist eine definierte Streckendistanz des Zuges zurückgelegt, wird die FIS weitergeschaltet und die nächste Ansage ertönt für den Fahrgast. Manchmal aber haken die Sensoren, die eine Distanz erkennen, und damit hinkt dann auch die Ansage der Station ein wenig hinterher. Die S-Bahn Hamburg arbeitet natürlich ständig daran, dass die Erkennungssensoren ständig verbessert werden. Die Zugansagen werden übrigens immer vom Triebfahrzeugführer am Startbahnhof vor Abfahrt eingestellt. Hier gibt er die Linie, den Startbahnhof und den Endbahnhof ein. Die Abfolge geschieht dann automatisch. Im Rahmen der Modernisierung werden natürlich auch die Ansagesysteme erneuert. Zukünftig ist es daher möglich, zwei Datensätze, also zwei Fahrpläne, für die Ansagen auf den FIS-Computern zu speichern. So kann gesteuert werden, dass ab einer bestimmten Uhrzeit Fahrplan 2 aktiviert wird. Zudem kann in dem System auch hinterlegt werden, dass bestimmte Ansagen, wie Baustellen- oder Messehinweise, nur zu bestimmten Zeiten erfolgen. Die Möglichkeiten für verschiedene Ansagen im System werden so erweitert.