Das Magazin der S-Bahn Hamburg
Ein Tag mit #2 – Michael Fust

Ein Tag mit #2 – Michael Fust

Wir begleiten den Elektromeister für Energietechnik bei seiner Nachtschicht und blicken hinter die Kulissen des Arbeitsalltags im Instandhaltungswerk in Ohlsdorf.

Es wird eine lange Nacht

Der Titel des Artikels müsste eigentlich „Eine Nacht mit ...“ lauten, denn als wir den Elektromeister Michael Fust am Tor des Instandhaltungswerks in Ohlsdorf treffen, ist es bereits dunkel. Während die meisten auf dem Weg nach Hause sind, herrscht in den Fluren und Hallen in Ohlsdorf reges Treiben. Um 19:15 Uhr beginnt Fust seine zehnstündige Schicht – es wird also eine lange Nacht.

Nach dem Ankommen führt der erste Weg in die Bereitstellungsleitung (kurz: BSL) des Instandhaltungswerks. Hier kommen alle Meldungen über Reparaturen und Inspektionen der Züge zusammen und werden an die Meister, in diesem Fall an Michael Fust, weitergegeben. Dieser vergibt die einzelnen Arbeiten an sein Team von knapp 20 Kollegen, die sich in zwei Schichten aufteilen: eine, die 24 Stunden im Dienst ist, und der sogenannte „Nachtexpress“. Hier wird in den Nächten von Montag bis Donnerstag gearbeitet.

„Die Nachtschicht ist mir am liebsten!"
Michael Fust, Elektromeister für Energietechnik.

Es scheint eine ruhige Nacht zu werden: Nur neun Züge stehen auf dem Arbeitsauftrag. Das ist wenig, denn in der Nacht zuvor wurden 17 Fahrzeuge repariert beziehungsweise gecheckt. „Aber wie sagt man so schön? Man weiß nie, was noch kommt“, gibt Fust mit einem verschmitzten Lächeln zu bedenken. Darin liegt auch die größte Herausforderung seines Jobs: Der Arbeitsalltag des Wahl-Ratzeburgers ist nicht vorherzusehen. Das meiste geschieht aber tatsächlich in der Nacht. Die Zeit, in der die meisten Arbeitnehmer ihren verdienten Feierabend und die Nachtruhe genießen, ist dem 49-Jährigen am liebsten.

Bahn-Faszination seit der Kindheit

Fust arbeitet nämlich in Schichten: Eine Woche am Tag, die andere in der Nacht. Die Nächte sind ihm nicht nur lieber – er steckt diese als DJ, der in seiner Freizeit oft auf Hochzeiten auflegt, auch gut weg. Zur Bahn kam Michael Fust eher zufällig. Kurz vor dem Antritt eines Lehramtsstudiums, rät ihm sein Onkel – selbst Lokführer – Elektrik bei der Bahn zu lernen. Als DJ bestand bereits ein gewisses Interesse für Technik, und Züge reizten ihn schon seit seiner Kindheit.

Nach der Lehre bei der Reichsbahn in Wittenberge und Wismar absolvierte Fust in der Abendschule die Ausbildung zum Industriemeister Energietechnik. 1992 begann er dann bei der DB Regio AG in Lübeck als Triebfahrzeugelektriker an Diesellokomotiven zu arbeiten. Als das Werk 2003 schließen musste, verschlug es Fust zur S-Bahn Hamburg.

An den Zügen der S-Bahn schraubt der Meister aber nicht mehr, was er manchmal auch vermisst. Für die Antwort auf die Frage, mit welchem S-Bahn-Mitarbeiter er gerne einen Tag tauschen würde, muss er trotzdem lange überlegen. Er verrät, dass er den Beruf der Bahnhofsaufsicht auch ziemlich spannend findet.

Nicht nur Inspektionen und Instandhaltungen stehen auf dem Plan

Michael Fust ist aber nicht nur für Inspektionen und Instandhaltungen zuständig. Mit seinem Team übernimmt er auch die außerplanmäßigen Zugreparaturen. „Mein oberstes Ziel ist dabei, dass wir die Züge zeitgerecht fertigstellen und sie damit pünktlich zum Betriebseinsatz bereit sind.“ Und das ist eine Menge Arbeit: Täglich müssen von 164 Fahrzeugen 148 funktionstüchtig sein, um den planmäßigen Betrieb der S-Bahn Hamburg zu gewährleisten. Im Schnitt stehen in einer Nachtschicht 13 Züge zur Kontrolle oder Reparatur auf dem Plan. Eines ist also klar: Die Arbeit muss strukturiert und organisiert sein – bis ins kleinste Detail. „Die Kollegen der S-Bahn Hamburg machen einen tollen Job“, weiß Fust, „was wir hier an Zügen bereitstellen, ist schon beeindruckend.“

„Mein oberstes Ziel ist es, dass wir die Züge zeitgerecht fertigstellen und sie damit pünktlich zum Betriebseinsatz bereit sind.“
Michael Fust über seine Arbeitsziele.

In der Regel werden dem Instandhaltungswerk in Ohlsdorf die zu wartenden Züge bis spät abends zugeführt und müssen bis 5 Uhr morgens wieder bereitstehen, um diese dann rechtzeitig ins Streckennetz der S-Bahn einzubinden. Ein Zug, der erst um 5:30 Uhr betriebsbereit ist, muss im Zweifel den Tag im Werk stehen bleiben, da man ihn nicht mehr problemlos in den laufenden Betrieb überführen kann.

Aufgrund der Renovierungsarbeiten im Instandhaltungswerk Ohlsdorf und der daraus resultierenden Platznot, sollte dies nicht nur aus betrieblicher, sondern auch aus instandhaltungsseitiger Sicht vermieden werden. Aufregung ist da fehlplatziert: „Man muss immer einen kühlen Kopf bewahren, egal was passiert.“

Bevor ein Zug wieder in das Streckennetz entlassen wird, muss er von zwei extra dafür geschulten Mitarbeitern freigegeben werden. Die entsprechenden Dokumente gehen erneut an die BSL, die den Zug dann wieder auf die Schiene schickt. Es kommt also nicht nur auf eine pünktliche Reparatur an, sondern auch auf eine fristgerechte Abgabe der Dokumente.

Auf dem Schreibtisch des gebürtigen Wismaraners liegen noch weitere Aufgaben: Er betreut auch die Programminstallationen und Erneuerungen der Werkstattrechner und arbeitet an einem neuen System, um den Materialverbrauch besser zu dokumentieren. Zudem ist er noch Projektleiter der sogenannten mobilen Instandhaltung. Bald sollen Werkstattzüge auch an bestimmte S-Bahnhöfe fahren, wo Defekte (nur im Inneren des Zuges) vor Ort repariert werden können – im Februar wird diese Idee dann in die Realität umgesetzt.

Schnelle, aber keine voreiligen Lösungen

Im Hier und Jetzt muss sich Michael Fust erst einmal mit den Kollegen der Nachtschicht treffen, um auch mit ihnen den Verlauf der nächsten Stunden zu besprechen. „Fehlentscheidungen beeinflussen den Verlauf und das Ergebnis der gesamten Nachtschicht“, gibt der Elektromeister zu bedenken. Er muss schnelle, aber keineswegs voreilige Lösungen finden. Nach der Lagebesprechung zieht es Fust wieder in sein Büro. Jeder einzelne Schritt wird schriftlich und digital festgehalten. Zu Fusts Alltag gehören also auch eine Menge administrative Tätigkeiten.

„Ich freue mich, wenn ich Haken an bestimmte Aufgaben machen kann.“
Michael Fust, Elektromeister für Energietechnik.

Um 22:15 Uhr klopft es an der Tür und ein Mechaniker berichtet, dass es bei der Reparatur eines Zuges einen zusätzlichen Defekt in der Stromversorgung gibt. Herr Fust lächelt und sagt: „Sehen Sie, so bekommen wir in einer ruhigen Nacht doch noch richtig was zu tun.“ Dabei arbeitet er immer vorausschauend: Kündigt sich eine ruhige Nacht an, übernimmt sein Team auch Arbeiten, die eigentlich für die Tagesschicht geplant waren.

Gut, dass Michael Fust auch in dieser Nachtschicht ein paar Puffer für zusätzliche Aufgaben eingeplant hat – der neu angezeigte Defekt ist in dieser Nacht also kein Problem. Der Elektromeister schaut zufrieden auf seinen Rechner. „Ich freue mich, wenn ich Haken an bestimmte Aufgaben machen kann.“