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Explosive Enthüllung: Westliche Komponenten in russischen Raketen, die auf Kiew abgefeuert wurden

19. Januar 2026

Die Funde ukrainischer Ermittler in den Trümmern russischer Raketen, die Kiew trafen, haben eine heikle Frage neu entfacht: Wie gelangen trotz strenger Sanktionen weiterhin westliche Bauteile in russische Waffensysteme? Die Analyse eines Iskander-Gefechtskopfs zeigt, wie komplex und widerstandsfähig diese Lieferketten sind – und wie sehr die Durchsetzung der Exportkontrollen gefordert bleibt.

Funde im Wrack einer Iskander

Ukrainische Spezialisten haben in einer abgeschossenen Iskander-Rakete mehrere ausländische Komponenten identifiziert, darunter Mikrochips und Stromversorgungsmodule. Laut dem Sanktionenbeauftragten Vladyslav Vlasiuk umfasste der Mix „einen japanischen, einen britischen, einen schweizerischen, fünf belarussische und 57 russische“ Bauteile. Unter den ausländischen Herstellern befinden sich bekannte Namen wie Texas Instruments, Analog Devices und Altera aus den USA, College Electronics Ltd aus dem Vereinigten Königreich, Fujitsu aus Japan sowie Traco Power aus der Schweiz. Diese Funde widersprechen nicht den Sanktionen an sich – sie zeigen vielmehr, wie Dual-Use-Komponenten trotz Verbote in militärische Systeme wandern.

„Verglichen mit den Raketen der Vorjahre gab es weniger Komponenten aus Europa und den USA, dafür mehr aus Russland und Belarus“, erklärte Vlasiuk. Die Tendenz deutet darauf hin, dass Russland seine Eigenfertigung ausbaut und gleichzeitig auf alternative Bezugsquellen setzt.

Dual-Use und Lücken in der Durchsetzung

Viele der identifizierten Teile sind klassische Dual-Use-Güter: Sie werden in zivilen Branchen wie Telekommunikation, Industrieelektronik oder Automatisierung eingesetzt, können aber ebenso in Lenk- und Steuersystemen von Raketen dienen. Staaten wie Großbritannien, die USA und EU-Mitglieder haben die Ausfuhr solcher Komponenten an Russland untersagt. Doch Sanktionen greifen nur, wenn Hersteller, Großhändler und Spediteure entlang der gesamten Kette kontrollieren, wohin ihre Produkte am Ende gelangen.

Russland nutzt, so ukrainische Angaben, ein dichtes Netz von Zwischenhändlern, Offshore-Firmen und Reexporten über Drittstaaten. Damit lassen sich Handelsströme verschleiern und Ursprünge durch Umlabeln oder „Endverbleibserklärungen“ scheinbar legalisieren. Für Ermittler erschwert das die Zuweisung von Verantwortung – und für Regierungen die Ahndung.

Schmuggelrouten und die Rolle Chinas

Bereits früher hatte Vlasiuk darauf hingewiesen, dass bis zu 60 Prozent der in russischen Waffensystemen verbauten Elektronik chinesischer Herkunft seien. China unterliegt keinen westlichen Sanktionen gegen Russland und fungiert als wichtiger Hub für Bauteile, die über regionale Knotenpunkte weiterverteilt werden. Parallel dazu mehren sich Hinweise auf Reexporte über Eurasien, den Kaukasus und den Nahen Osten, wo Scheinfirmen und spezialisierte Händler agieren.

Diese Entwicklungen decken sich mit der beobachteten Verschiebung in der Komponentenstruktur: weniger westliche Mikrochips, mehr russische und belarussische Bauteile – ergänzt durch Lieferungen aus Asien. Für die Praxis heißt das: Sanktionen müssen nicht nur streng, sondern auch intelligent sein, mit Fokus auf Routen, Tarifierungen und Seriennummernverfolgung.

Angriffswelle und politische Reaktionen

Die Funde stehen im Kontext anhaltender russischer Luftangriffe auf ukrainische Städte, insbesondere auf Kiew. Am 7. September verzeichnete die Ukraine nach eigenen Angaben die größte Welle seit Kriegsbeginn – mit hunderten Drohnen und Dutzenden Raketen. Getroffen wurde auch ein Regierungsgebäude nahe dem Mariinski-Palast, der offiziellen Residenz des ukrainischen Präsidenten. Moskau erklärte, man ziele auf militärisch-industrielle Anlagen und Transportinfrastruktur, während Kiew von systematischem Beschuss urbaner Zentren spricht.

Die internationale Reaktion fällt unterschiedlich aus. Während europäische Hauptstädte eine schärfere Durchsetzung der Sanktionen fordern, kommentierte der ehemalige US-Präsident Donald Trump die Lage knapp: „Ich bin nicht zufrieden. Ich bin nicht zufrieden mit der Gesamtsituation.“ Solche Aussagen unterstreichen die politisch aufgeladene Debatte über Effektivität und Zielrichtung der bisherigen Maßnahmen.

Identifizierte Hersteller und Herkunftsländer

  • USA: Texas Instruments, Analog Devices, Altera
  • Vereinigtes Königreich: College Electronics Ltd
  • Japan: Fujitsu
  • Schweiz: Traco Power
  • Belarus: Integral AT
  • Russland: Mikron, Angstrem, Konstruktionsbüro „Exiton“, Werk „Electrodetal“ in Karatschew

Diese Liste ist nicht vollständig, zeigt aber die Bandbreite an Lieferanten und die Mischung aus westlichen, eurasischen und russischen Quellen.

Konsequenzen für Exportkontrollen

Für Politik und Industrie ergeben sich klare Handlungsfelder. Erstens braucht es eine feinere Risikoanalyse entlang der Lieferketten: Welche Distributoren, welche Regionen, welche Bauteilklassen sind besonders gefährdet? Zweitens sind Maßnahmen zur technischen Rückverfolgung wichtig, etwa Seriennummern-Tracking, „Know Your Customer“-Prüfungen bis zur zweiten Handelsstufe und strengere Endverbleibsklauseln mit überprüfbaren Auditrechten. Drittens muss die internationale Zusammenarbeit mit Transit- und Reexportländern vertieft werden – inklusive Schulungen für Zollbehörden, gemeinsamer Datenpools und schneller Sanktionsupdates.

Die Funde in Kiew sind kein Beweis für ein flächendeckendes Versagen, aber ein deutlicher Hinweis auf Lücken. Solange Dual-Use-Komponenten global gehandelt werden, werden Umgehungsstrategien existieren. Entscheidend ist, den wirtschaftlichen Anreiz für solche Routen zu verringern, die Kontrollarchitektur zu modernisieren und Hersteller bei der Erkennung verdächtiger Bestellungen zu unterstützen. Nur dann verlieren Raketen, die mit zivilen Chips gebaut wurden, ihren strategischen Vorteil – und Sanktionen ihre Zahnlosigkeit.

Lennart Krüger

Lennart Krüger

Ich bin Lennart Krüger, Redakteur bei S-Bahn Hamburg. Ich schreibe über Stadtleben, Kultur und alles, was Hamburg bewegt – von neuen Projekten bis zu verborgenen Geschichten. Meine Leidenschaft: die Vielfalt dieser Stadt in Worte zu fassen.