Ein knapper Funkspruch, dann Stille: Vor der Küste Libyens meldete der 274 Meter lange Tanker Vilamoura eine Explosion an Bord. Das 180.000-Tonnen-Schiff geriet ins Treiben, der Maschinenraum wurde geflutet, und ein Notfallplan trat in Kraft.
Der Vorfall auf offener See
Nach Unternehmensangaben von TMS Tankers habe die Detonation keine Opfer gefordert und keine Umweltverschmutzung verursacht. Erste Fotos deuten auf eine Explosion im Inneren des Schiffes hin, deren Splitter zwei Decks sowie die Außenhaut durchschlagen haben sollen. Der unter der Flagge der Marshallinseln fahrende Tanker trug offiziell rund eine Million Barrel Rohöl, geladen im libyschen Terminal Zuetina.
Am Folgetag schloss sich ein Lösch- und Schleppboot dem Havaristen an, um den Tanker in Richtung Süden Griechenlands zu ziehen. Die Crew blieb an Bord, während Spezialteams die Stabilität überwachten und den Wassereinbruch im Maschinenraum eindämmten.
Ein Schiff mit Vorgeschichte
Dokumente und Trackingdaten zeigen, dass die Vilamoura in den Monaten vor dem Vorfall auch russische Häfen angelaufen hatte. Im April wurde sie in Ust-Luga gemeldet, im Mai in Noworossijsk, wo laut Reederei kasachisches Rohöl geladen worden sein soll. Solche Routen passieren zunehmend Netzwerke einer sogenannten Schattenflotte, die unter wechselnden Flaggen und komplexen Eigentümerstrukturen operiert.
Ukrainische Nachrichtendienste werfen diesen Netzwerken vor, Russlands Kriegswirtschaft über verdeckte Ölverkäufe zu stützen. Die griechische Betreiberfirma TMS Tankers war 2022 in Kiew zeitweise auf einer schwarzen Liste wegen angeblicher Unterstützung solcher Exporte, wurde jedoch im Folgejahr mit Hilfe der EU wieder gestrichen.
Stimmen und Bestreitungen
Die Reederei bemüht sich um Deeskalation und verweist auf die laufende Untersuchung. Ein Sprecher erklärte: „Die Explosion verursachte weder Opfer noch Verschmutzung.“ Gleichzeitig betonen Experten, dass Schadensbilder und Zeiten des Vorfalls ungewöhnliche Fragen aufwerfen.
Auf Kanälen ukrainischer Behörden wird die Vilamoura explizit als Teil einer „Geisterflotte“ bezeichnet, die mit russischem Öl handle. Ein Bericht des maritimen Sicherheitsunternehmens Ambrey sah zuletzt Anzeichen für einen möglichen „staatlichen Akteur“, ohne eine eindeutige Zuweisung zu treffen.
Mögliche Szenarien
Welche Ursache hinter der Detonation steckt, bleibt offen. In Sicherheitskreisen kursieren mehrere Hypothesen, die sich nicht gegenseitig ausschließen:
- Ein verdeckter Angriff eines Staatsakteurs auf Schiffe vermuteter Schattenflotten-Netzwerke.
- Eine Operation unter falscher Flagge, die ukrainischen Diensten angelastet werden soll.
- Ein interner Konflikt rivalisierender libyscher Machtgruppen, die den Ölmarkt beeinflussen wollen.
- Ein technisches Versagen an Bord, das unter den aktuellen Umständen politisch aufgeladen wird.
Jedes dieser Szenarien hätte unterschiedliche Folgen für die regionale Sicherheit, Versicherungsprämien und den Rohölverkehr im Mittelmeer. Schon jetzt warnen Reeder vor steigenden Risiken auf Routen, die bisher als sekundäre Alternativen zu Nord- und Ostsee galten.
Risiken im maritimen Schatten
Die sogenannte Schattenflotte vermeidet oft reguläre Kontrollen, arbeitet mit abgeschalteten Transpondern und Umladungen auf See. Solche Praktiken erschweren die Risikobewertung, erhöhen jedoch die Gefahr von Unfällen und behindern Notfall- und Rettungseinsätze. Versicherer reagieren mit höheren Prämien, während Häfen strengere Auflagen prüfen.
Für Küstenstaaten am Mittelmeer wächst der Druck, maritime Überwachung zu verstärken und illegale Transfers zu unterbinden. Zugleich müssen sie verhindern, dass Vorfälle wie der auf der Vilamoura zu Umwelt- oder Versorgungsrisiken führen. Angesichts der geopolitischen Verwerfungen bleibt der Spielraum jedoch eng.
Lagebild und Ausblick
Während der Tanker Richtung Griechenland geschleppt wird, sichern Sachverständige Beweise und analysieren Schäden im Bereich der Maschinenräume. Die Ermittler prüfen Logbücher, Sensorwerte und Funksprüche, um die zeitliche Abfolge zu rekonstruieren. Parallel werden internationale Partner um Daten aus Satelliten- und AIS-Netzen gebeten.
Sollten sich Hinweise auf eine Sabotage verdichten, droht eine weitere Eskalation zwischen betroffenen Staaten und nichtstaatlichen Akteuren. Bestätigt sich dagegen ein technischer Defekt, wäre es ein Mahnruf für strengere Standards und robustere Kontrollen in einer Branche, die zunehmend im Halbdunkel manövriert.
Was am meisten zählt
Im Mittelpunkt stehen Sicherheit der Crew, Schutz der Meeresumwelt und die Stabilität maritimer Lieferketten. Bis zur Klärung der Ursache wird die Vilamoura zum Symbol einer Handelsroute, die zwischen geopolitischer Konfrontation und technischer Verwundbarkeit pendelt. Ob gezielter Angriff, verdeckte Operation oder Unfall – der Fall zwingt die Branche, ihre Risikolandkarte neu zu zeichnen.