Eskalation in der Taiwanstraße
Die Lage in der Taiwanstraße spitzt sich weiter zu. Taipeh wirft Peking vor, eine koordinierte amphibische Militäroperation in unmittelbarer Nähe der Insel vorzubereiten. Die Vorwürfe folgen auf großangelegte Manöver, die laut Taiwan an mehreren Punkten rund um die Insel stattfinden.
Die Spannungen hatten bereits Mitte Dezember zugenommen, als die USA einen umfangreichen Rüstungsdeal mit Taipeh abschlossen. Das Paket beläuft sich auf 11,1 Milliarden US‑Dollar, den höchsten Betrag seit 2001. Peking reagierte mit Sanktionen gegen 20 US-Rüstungsunternehmen und verschärfte die militärische Präsenz.
Umfang und Ziele der Manöver
Das östliche Kommando der Volksbefreiungsarmee spricht von „großen“ Übungen zu Luft und See. Eingesetzt würden Zerstörer, Fregatten, Jagdflugzeuge, Bomber und Drohnen, unterstützt durch simulierte Raketenkomponenten. Laut Kommuniqué umfassen die Übungen Scharfschießen auf maritime Ziele nördlich und südwestlich von Taiwan.
Taiwans Verteidigungsministerium meldete die Sichtung einer Formation chinesischer Amphibienlandungsschiffe im Westpazifik. Außerdem habe man 89 chinesische Militärflugzeuge sowie 28 Kriegsschiffe und Küstenwacheneinheiten in der Nähe der Insel gezählt. Das sei der höchste gemeldete Tageswert seit dem 15. Oktober 2024.
Zahlen, Zonen und Zeitfenster
Peking verweist auf die Übung „Mission Justice 2025“ unter Führung des Östlichen Kommandos. Eine Karte der Armee markiert fünf Gebiete rund um Taiwan, in denen Scharfschießen vorgesehen ist. Für die zivile Schifffahrt und den Luftverkehr gelten Warnungen vor dem Eindringen in betroffene Areale.
- Fünf Sperrzonen rund um Taiwan mit Scharfschießen
- Zeitfenster von 1 Uhr bis 11 Uhr am Übungstag
- Einsatz von Zerstörern, Fregatten, Bombern und Drohnen
- Meldung von 89 Flugzeugen und 28 Schiffen nahe der Insel
- Schwerpunkt auf Blockade, „Patrouillen zur Einsatzbereitschaft“ und kombinierter Luft-See-Überlegenheit
Internationale Dimension
Die Manöver haben auch eine diplomatische Komponente, die über den regionalen Rahmen hinausgeht. Zwischen Peking und Tokio kam es nach Äußerungen der japanischen Regierungschefin zu spürbaren Verstimmungen. Sanae Takaichi hatte angedeutet, Japan könne im Falle eines Angriffs auf Taiwan reagieren.
Für Washington ist die Lage ein Test der Bündnistreue und der Abschreckung im Indo-Pazifik. Der jüngste US‑Deal mit Taipeh gilt als deutliches Signal an Peking. Zugleich versucht Washington, die Kommunikation mit Peking offen zu halten.
Reaktionen aus Taipeh und Peking
Die taiwanische Präsidentschaft verurteilte die Übungen als Einschüchterung und als Missachtung des Völkerrechts. „Dies ist ein ernstes Warnsignal, aber wir sind entschlossen, unsere Souveränität und unsere Demokratie zu schützen“, erklärte eine Sprecherin der Präsidentschaft. Taiwans Armee meldete den Einsatz „angemessener Kräfte“ und die Durchführung eines schnellen Gegenmanövers.
Peking betrachtet Taiwan als Teil des eigenen Staatsgebiets und schließt den Einsatz von Gewalt nicht aus. Das Außenministerium warnte vor „äußeren Kräften“, die eine Vereinigung verhindern wollten. Alle Versuche, den Lauf der Geschichte aufzuhalten, seien zum Scheitern verurteilt, hieß es aus Peking.
Taktik, Signalwirkung und Risiken
Militärisch dienen die Manöver der Erprobung kombinierter Operationen in mehreren Domänen. Die simulierten Blockaden zielen auf kritische Häfen, Seewege und Lufträume, die für Taiwans Versorgung zentral sind. Eine gestaffelte Präsenz von Flugzeugen und Schiffen erhöht den Druck auf die taiwanische Luftverteidigung.
Strategisch sendet Peking ein Signal an innen- wie außenpolitische Adressaten. Nach der US‑Rüstungsentscheidung sollen Kosten und Risiken für Unterstützer Taiwans sichtbar werden. Für die Märkte steigt damit die Gefahr von Fehleinschätzungen und Eskalationsspiralen.
Einordnung des Zeitpunkts
Der Zeitpunkt nach der US-Verkaufsmeldung wirkt bewusst gewählt. Er maximiert die Aufmerksamkeit und testet die Reaktionsmuster von Taipeh und Partnern. Gleichzeitig bindet er die US-Agenda in der Region an eine Auseinandersetzung, die schwer zu deeskalieren ist.
Die Androhung sehr naher Annäherungen chinesischer Schiffe an die Insel erhöht die Gefahr taktischer Zwischenfälle. Kleine Fehler könnten zu größeren Krisen führen, insbesondere bei parallelen Luft- und Seeoperationen. Kommunikationskanäle zur Konfliktvermeidung sind daher essenziell.
Ausblick
Kurzfristig dürfte die Volksbefreiungsarmee die Übungen als „legitim und notwendig“ zur Wahrung von Souveränität und Einheit darstellen. Taipeh wird weiter auf Abschreckung setzen und internationale Unterstützung suchen. Entscheidend bleibt die Frage, ob aus demonstrativer Machtausübung ein Dauerzustand wird.
Mittel- bis langfristig verschiebt sich das Gleichgewicht im Westpazifik durch Technologie, Rüstung und Allianzen. Jede zusätzliche Runde von Manövern, Verkäufen und Sanktionen macht eine spätere Entspannung komplexer. Ohne verlässliche Dialogformate wächst die Gefahr, dass ein Funke den Konflikt entzündet.