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Warum Italien jetzt in den ultraexklusiven Club der Länder mit nuklearbetriebenen Flugzeugträgern will – an der Seite von Frankreich und den USA

19. Februar 2026

Italiens strategischer Antrieb

Italien will bis etwa 2040 einen Flugzeugträger mit nuklearer Antriebsanlage beschaffen und damit seinen maritimen Handlungsspielraum deutlich erweitern. Hinter diesem Schritt steht der Wille, in einem äußerst exklusiven Kreis militärischer Seemächte mitzuspielen und die eigene Abschreckung wie auch die Einsatzdauer auf hoher See zu steigern. Für Rom geht es um Souveränität, um den Schutz maritimer Versorgungslinien und um eine Rolle als verlässlicher Partner in NATO- und EU-Einsätzen.

Die Führung der Marina Militare, allen voran Enrico Credendino, hat die Ambitionen in Interviews bestätigt. Das Projekt ist in langfristige Haushaltsplanungen eingebettet und flankiert von Investitionen in Drohnen, Cyberabwehr und moderne Luftfahrzeuge. Damit positioniert sich Italien als Technologie– und Rüstungsnation, die ihre maritime Industrie in die nächste Dekade führen will.

Der exklusive Club

Aktuell betreiben nur sehr wenige Länder Flugzeugträger, und noch weniger setzen auf Atomkraft. Die Vereinigten Staaten dominieren mit einer zweistelligen Flotte, während Frankreich mit dem „Charles de Gaulle“ ein einzelnes, aber schlagkräftiges Schiff betreibt. China beschleunigt sein Programm und könnte um 2040 ebenfalls mit einem nuklearen Träger auflaufen.

  • Nur die USA und Frankreich betreiben heute nuklear angetriebene Träger.
  • China verfolgt ehrgeizige Pläne und baut an seinem vierten Träger.
  • Weitere Trägernationen wie Großbritannien, Italien oder Japan nutzen konventionelle Antriebe.
  • Russland und Indien bleiben besondere Fälle mit technisch unterschiedlichen Fähigkeiten.

Der Schritt nach vorn wäre für Italien ein Statussymbol und ein Signal an Partner wie Washington und Paris, dass Rom in der obersten Liga mitspielen will. In Krisen ließen sich so Operationen länger, weiter und unabhängiger durchführen als mit konventionellen Trägern.

Technik: Was ein „echter“ Träger ist

Nicht jedes Großdeckschiff ist ein „klassischer“ Flugzeugträger. Streng genommen verdienen nur Schiffe mit Katapulten und Fangseilen diese Bezeichnung, weil sie schwere Jets mit hoher Nutzlast starten und landen lassen. Katapulte beschleunigen Maschinen in Sekunden von 0 auf über 250 km/h, während Fangseile das Aufsetzen auf wenigen Metern abbremsen.

Viele Marinen setzen hingegen auf Träger-ähnliche Schiffe mit Sprungschanze oder STOVL-Konzepten (Short Take Off and Vertical Landing), wie beim F‑35B. Diese bieten Flexibilität, stoßen aber bei Reichweite, Bewaffnung und Sortierate gegenüber Katapultträgern schneller an Grenzen. Ein nuklearer Katapultträger würde Italiens Luftkriegsfähigkeiten auf See markant anheben.

Warum Atomkraft? Autonomie und Energie

Ein nuklearer Antrieb liefert enorme Reichweite und schafft Platz an Bord, weil weniger Treibstoff gelagert werden muss. Reaktoren laufen Jahre ohne Auftanken, während konventionelle Träger wöchentlich auf Nachschub angewiesen sind. Diese Autonomie bedeutet operative Freiheit, weniger Verwundbarkeit und kürzere logistische Ketten.

Zudem versorgt die Reaktorleistung energiehungrige Systeme: Radare, elektronische Kriegsführung und vor allem moderne Katapulte wie EMALS. Für eine Luftgruppe mit Jets, Frühwarnflugzeugen und Hubschraubern ist stabile Bordenergie ein kritischer Faktor. Der „Charles de Gaulle“ zeigt, wie ein nuklearer Träger eine kompakte, aber schlagkräftige „fliegende Basis“ auf hohem Niveau betreibt.

Machtprojektion und Kosten

Flugzeugträger sind militärische Instrumente und politische Botschafter zugleich. Die oft Henry Kissinger zugeschriebene Formel bringt es auf den Punkt: „Ein Flugzeugträger sind 100.000 Tonnen Diplomatie.“ Wer einen Trägergruppenverband entsendet, setzt ein sichtbares Zeichen – für Schutzverantwortung, Engagement und Handlungsfähigkeit.

Doch Macht hat ihren Preis. Ein Träger erfordert Begleitschiffe zur Luftverteidigung, U‑Boot‑Abwehr und Logistik sowie oft ein U‑Boot als Schutzschirm. Hinzu kommen Ausbildung, Wartung und ein großes, hochqualifiziertes Personal. Genau diese Eintrittsbarrieren erklären, warum der nukleare Trägerclub so klein ist und warum Italiens Sprung technologisch wie finanziell ambitioniert bleibt.

Europas Bezugspunkt: Frankreichs PANG

Ein Blick nach Frankreich zeigt den Maßstab: Der geplante PANG (Porte-Avions de Nouvelle Génération) soll ab Ende der 2030er Jahre den „Charles de Gaulle“ ablösen. Er wird rund 310 Meter lang, bis 85 Meter breit und circa 78.000 Tonnen verdrängen. Zwei leistungsfähigere Reaktoren verlängern die Autonomie auf etwa ein Jahrzehnt zwischen großen Eingriffen.

Der PANG wird Kampfflugzeuge der nächsten Generation (SCAF) sowie Rafale-Jets einsetzen und ausgelegte Energie-Reserven für künftige Systeme mitbringen. Für Italien ist das ein Benchmark: Ein vergleichbarer Pfad würde Industrie, Marine und Verbündete enger verzahnen und die europäische Handlungsfähigkeit zur See stärken.

Was Rom gewinnen will

Italiens Vorstoß zielt auf vier zentrale Gewinne: erstens längere, selbstständige Operationen; zweitens glaubwürdige Abschreckung durch permanente Luftmacht; drittens Interoperabilität mit den stärksten Verbündeten; viertens industrielle Hebel, die über Jahrzehnte Know-how und Arbeitsplätze sichern. Mit einem nuklearen Träger würde Italien vom „fähigen Teilnehmer“ zum prägenden „Akteur“ maritimer Sicherheit im Mittelmeer und darüber hinaus.

Die Entscheidung ist damit militärisch, politisch und wirtschaftlich zugleich – und sie erklärt, warum Rom den Schritt in den kleinen, aber einflussreichen Kreis der Atomträger-Mächte anstrebt. Wenn Zeitplan, Budget und Technologie zusammenfinden, könnte Italien schon um 2040 auf Augenhöhe mit den etablierten Referenzen operieren.

Lennart Krüger

Lennart Krüger

Ich bin Lennart Krüger, Redakteur bei S-Bahn Hamburg. Ich schreibe über Stadtleben, Kultur und alles, was Hamburg bewegt – von neuen Projekten bis zu verborgenen Geschichten. Meine Leidenschaft: die Vielfalt dieser Stadt in Worte zu fassen.