Ein robuster, an Marsfahrzeuge erinnernder Rover hat weitverzweigte unterirdische Anlagen unter der etruskischen Stadt Veii vermessen. Ausgestattet mit dem gelenkigen Rocker-Bogie-Fahrwerk, wie man es von NASA-Rovern kennt, rollte das System „Magellano“ durch enge Schächte und unebene Gänge. Das italienische Kulturministerium meldete am 16. November 2025, dass erstmals eine vollständige Kartierung der unterirdischen Tunnelsysteme gelungen sei.
In den Tiefen von Veii
Veii, im heutigen Latium nördlich von Rom, war eine der bedeutendsten Städte der Etrusker. Bereits im 8. Jahrhundert v. Chr. bewohnt, entwickelte sich die Siedlung zu einer befestigten Stadt mit klar gegliederten Vierteln, Heiligtümern und reich ausgestatteten Nekropolen. Unter der Oberfläche lag ein ausgeklügeltes Wassermanagement, getragen von Tunneln, Zisternen und sogenannten cuniculi.
Besonders bemerkenswert ist der sogenannte Ponte Sodo, trotz des Namens kein Brückenbau, sondern ein rund 70 Meter langer, in den Fels getriebener Tunnel. Er diente dazu, die Wasser des Flusses Cremera gezielt umzuleiten und Überschwemmungen zu beherrschen. Solche Anlagen zeugen von einer Verbindung aus Ingenieurskunst und religiösen Praktiken, wie sie in etruskischen Städten häufig zu finden war.
Robotik im Dienste der Archäologie
Das Team des Museo Nazionale Etrusco di Villa Giulia und der Lehrstühle für Etruskologie an der Sapienza-Universität setzte ferngesteuerte Roboter ein. Die Geräte verfügen über robuste Mobilität, präzise Navigationssysteme und berührungslose Datenerfassung für vermessungstaugliche Modelle. „Es handelt sich um Tools aus der Raumfahrt, nun adaptiert für archäologische Forschung in feindlichen Umgebungen“, erläutert ein Fachmagazin.
Durch die Messfahrten ließ sich erkennen, dass die Gänge mehrere Randzonen der Stadt miteinander verbanden: das Plateau von Campetti, das Tal von Cannetaccio und das Heiligtum von Portonaccio. In der Nähe des Apollon-Tempels identifizierten Expertinnen und Experten ein großes Becken, gespeist von den cuniculi, wohl für rituelle Reinigungen genutzt. Das etwa 20 Meter lange Bassinsystem wurde nach der römischen Eroberung 396 v. Chr. teilweise weiterverwendet.
Raffinierte etruskische Ingenieurskunst
Die neu erhobenen Daten belegen, dass die rund 23 Kilometer dokumentierter Kanäle keineswegs Zufallsgrabungen sind. Vielmehr offenbaren sie ein organisiertes Infrastrukturprojekt, das die Stadtplanung „oben“ mit dem Netz „unten“ bewusst verknüpfte. Technische Einrichtungen wie Zisternen, Schächte und Kanäle verschränkten sich mit rituellen Anlagen und heiligen Becken.
Viele Funktionszuschreibungen bleiben dennoch vorläufig. Welche Segmente rein hydraulisch dienten und welche vornehmlich kultisch genutzt wurden, erfordert weitere typologische Analysen und sorgfältige Datierungen. Gleichwohl markiert die vollständige Kartierung der Gänge einen methodischen Quantensprung für die Etruskologie.
Stimmen aus den Museen
„Mit strengeren Grabungen und Spitzentechnologien zum Heiligtum von Portonaccio zurückzukehren, bedeutet, das Wissen über einen der bedeutendsten Orte Etruriens entscheidend zu erweitern“, betont ein leitender Museumsdirektor. „Die nicht-invasive Kartierung der Tunnel, ermöglicht durch Instrumente der neuesten Generation, ist eine absolute Neuheit und zeigt den Wert der Zusammenarbeit zwischen Museen, Universitäten und Forschungszentren.“
Was der Rover sichtbar machte
Die mobil eingesetzte Plattform erschloss Bereiche, die für Menschen gefährlich oder praktisch unzugänglich sind. Sie minimiert den Eingriff in die empfindliche Substanz und sichert zugleich belastbare Daten. Daraus ergeben sich konkrete Vorteile:
- Vollständige, räumlich präzise Modelle des Tunnelnetzes
- Verbesserte Gefahreneinschätzung in instabilen Abschnitten
- Schonende Zugänglichkeit für künftige Feldforschungen
- Vergleichbarkeit mit weiteren etruskischen Städten
- Grundlage für digitale Vermittlung und Schutzkonzepte
Technik, die verbindet
Der „magellanische“ Rover vereint robuste Mechanik und adaptive Steuerung, um auf losem Untergrund die Traktion zu sichern. Das Rocker-Bogie-Fahrwerk hält alle Räder in Kontakt, während Sensorik die Topografie erfasst. Diese Synergie aus Fahrwerk, Navigation und Datenerhebung ist der Schlüssel, um lange Distanzen zuverlässig und wiederholbar zu befahren.
Ebenso wichtig ist die Standardisierung der Auswertung, denn nur konsistente Prozesse ermöglichen den Vergleich zwischen Sektoren und über Zeit. Die Verknüpfung von Geländeaufnahmen mit historischen Quellen schafft ein engmaschiges Bild der urbanen Entwicklung.
Bedeutung für Forschung und Öffentlichkeit
Mit der neuen Kartierung tritt Veii aus dem Schatten vager Vermutungen in die Präzision belastbarer Pläne. Die unterirdische „zweite Stadt“ wird zur interpretierbaren Struktur, deren Knoten, Abzweige und Reservoire im Kontext des Alltags und der Rituale der Etrusker lesbar werden. Daraus erwachsen Hypothesen zur Priorisierung von Ressourcen, zur wasserrelevanten Resilienz und zur heiligen Topografie der Gemeinschaft.
Gleichzeitig bahnt die Arbeit Wege für nachhaltige Konservierung und kluge Zugänglichkeit. Virtuelle Rekonstruktionen, geführte Visualisierungen und präzise Gefahrenpläne können die Faszination dieser Unterwelt vermitteln, ohne das fragile Erbe zu gefährden. So wird Hightech zum Mittler zwischen antiker Komplexität und heutiger Neugier.