Haftungsausschluss: Diese Website steht in keiner Verbindung zur Deutsche Bahn AG oder deren Tochtergesellschaften. S-Bahn Hamburg ist ein unabhängiges, privat betriebenes Online-Magazin und nicht Teil der Deutschen Bahn-Gruppe.

Europas Düngerkrise: Preise steigen wegen des Iran-Konflikts und der Abhängigkeit von Russland

24. März 2026

,

Der Düngemittelmarkt steht vor einer doppelten Krise: Der Krieg im Iran treibt die Preise in die Höhe, die Straße von Hormus ist blockiert – und gleichzeitig wird deutlich, wie abhängig Europa noch von russischen Lieferungen ist.

Winterweizen sollte jetzt seine zweite Stickstoffdüngung erhalten, Zuckerrüben warten auf die Aussaat und Raps wartet auf die letzte Düngergabe vor der Blüte. März ist eine äußerst wichtige Zeit für die Landwirtschaft. Doch ausgerechnet jetzt, in dieser Phase, geraten Düngemittelmärkte unter Druck.

Seit den US-Angriffen auf den Iran Ende Februar ist die Straße von Hormus – der Durchgang am Ausgang des Persischen Golfs, durch den rund ein Drittel des weltweiten Düngemittelhandels fließt – blockiert. Wichtige Produzentenländer wie die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien und Katar können ihre Harnstoff- und Ammoniaklieferungen nicht mehr wie geplant versenden.

Darüber hinaus sind die Gaspreise stark gestiegen. Der europäische Gasreferenzpreis TTF (Title Transfer Facility) stieg innerhalb weniger Wochen von rund 32 auf nahezu 52 Euro pro Megawattstunde. Das ist besonders bedeutsam, weil Erdgas rund 80 Prozent der Produktionskosten von Stickstoffdüngern ausmacht.

Düngemittelpreise steigen deutlich

Folgen sind bereits auf dem Markt sichtbar. In mehreren Bundesländern Deutschlands sind die Preise für wichtige Stickstoffdüngemittel innerhalb weniger Wochen deutlich gestiegen. In Niedersachsen stieg der Preis für Calciumammoniumnitrat, eines der am häufigsten verwendeten Stickstoffdüngemittel, innerhalb eines Monats um etwa 15 Prozent. In Schleswig-Holstein kostete Harnstoff vor dem Iran-Krieg deutlich weniger als heute.

Die Situation ist noch nicht mit den extremen Werten der Energiekrise 2022 vergleichbar, als Harnstoff teils mehr als 1.000 Euro pro Tonne kostete. Einzelhändler berichten, dass die Lieferungen für die laufende Saison grundsätzlich gesichert sind. Das Problem liegt derzeit weniger in der Verfügbarkeit der Ware als in der Logistik: Einzelhändler und Spediteure kommen kaum hinterher, die Abwicklung zu bewältigen.


Paul Henschke erhält 176 Euro pro Tonne Brotweizen – für eine Tonne Dünger zahlt er mehr als das Dreifache.


‚Man muss rechnen‘

Trotzdem trifft der Preisanstieg viele Betriebe hart. Paul Henschke, der seinen Hof in Sachsen-Anhalt auf 80 Hektar als Nebenerwerb bewirtschaftet, konnte im Herbst seine Bedarfsmengen nicht wie größere Betriebe aufstocken. Er muss nun zu den aktuellen Preisen bestellen – und erkennt, wie eng die Kalkulation geworden ist.

„Harnstoff kostet derzeit netto rund 550 Euro pro Tonne, Calciumammonnitrat etwa 370 Euro“, sagt er in einem Gespräch mit Euronews. Für seinen Hof rechnet sich die Kalkulation kaum: „Für 200 Kilogramm Calciumammonnitrat zahle ich schon 70 Euro pro Hektar – nur für die erste Düngergabe.“ Das rechnet sich noch nicht einmal, denn der Kali-Dünger kommt ja noch dazu.

Gleichzeitig erhält Henschke derzeit nur 168 Euro pro Tonne für seinen Futterweizen. Hinzu kommen steigende Transportkosten, die sich direkt im Düngerpreis widerspiegeln. Das lässt wenig Spielraum. „Man muss rechnen“, sagt er.

Henschke rechnet nicht mit einer schnellen politischen Reaktion. „Wir haben noch nicht viel Bewegung in der Agrarpolitik gehört. Es ist sehr schleppend“, sagt er. Er wartet nicht darauf, dass der Staat eingreift.

Wird es überhaupt noch Dünger geben, wenn der Iran eskaliert?

Dr. Willi Kremer-Schillings, bekannt als „Bauer Willi“, der in der Kölner-Aachener Bucht mit rund 80 Prozent organischem Dünger wie Gülle und Fermentationsrückständen bewirtschaftet, berichtet von einer ähnlichen Situation. Die gestiegenen Kosten machen sich auch dort bemerkbar. Das Produkt selbst sei um rund 40 Prozent teurer geworden – und darüber hinaus sei das Ausbringen teurer geworden.

Kremer-Schillings hatte die Weitsicht, seinen Mineraldünger im Herbst zu kaufen. Nun besteht jedoch eine fundamentalere Sorge: Ob die Güter im Fall einer weiteren Eskalation noch physisch verfügbar sein werden. Selbst in der Ära der Pandemie war dies das entscheidende Problem – nicht nur der Preis, sondern auch die Verfügbarkeit.

Er erwartet auch keine Unterstützung. „Ich bin fest davon überzeugt, dass der Staat nichts tun wird. Bislang haben sie fast immer nur einen Keil in das Vorhaben getrieben“, sagt Kremer-Schillings. Pragmatisch denkt er: „Wir sind Unternehmer – also lasst uns etwas tun.“ Er glaubt, es sei unvermeidlich, dass sich die gestiegenen Kosten irgendwann im Supermarkt niederschlagen – allerdings mit einer Verzögerung von zwei bis drei Monaten.

Russland ist der größte Düngemittel-Lieferant der Welt

Die durch den Iran-Krieg verursachte Turbulenz deckt außerdem ein strukturelles Problem auf, das Europa seit Jahren mit sich herumträgt: die anhaltende Abhängigkeit von Russland als Düngemittel-Lieferanten. Nach Angaben der EU-Kommission kamen im Jahr 2025 rund 22 Prozent der EU-Düngemittelimporte noch aus Russland – im ersten Halbjahr des Jahres im Wert von 1,3 Milliarden Euro. Russland exportierte 2025 insgesamt 45 Millionen Tonnen Düngemittel und war damit der weltweit größte Lieferant.

For the war chest: Russian President Vladimir Putin meets Andrei Guryev, Chairman of the Association of Russian Fertiliser Manufacturers, in the Kremlin in 2025.

Für die Kriegskasse: Der russische Präsident Wladimir Putin trifft Andrei Guryev, den Vorsitzenden des Verbandes der russischen Düngemittelhersteller, im Kreml im Jahr 2025.


Osteuropa abhängig von russischen Düngemitteln

Osteuropäische Länder sind besonders abhängig. Polen – eines der größten landwirtschaftlichen Länder der EU – importierte jahrelang erhebliche Mengen russischer Güter, trotz des heimischen Herstellers Grupa Azoty. Die baltischen Staaten und Bulgarien deckten ebenfalls einen Teil ihres Bedarfs aus Russland.

Allerdings wenden sich Händler in Westeuropa wieder russischen Alternativen zu, wenn Lieferungen aus Katar und anderen Golfstaaten ausfallen. Das treibt die Preise ebenfalls nach oben – teilweise, weil spezielle EU-Zölle nun auf russische und belarussische Düngemittel angewendet werden.

Die EU erhebt seit Juli 2025 diese besonderen Abgaben auf russische und belarussische Düngemittel. Zusätzlich zur bestehenden Ad-valorem-Zoll von 6,5 Prozent gibt es eine gestaffelte Mengensteuer, die in den kommenden Jahren deutlich steigen soll. Zugleich schlug die EU-Kommission im Februar 2026 vor, allgemeine Zölle für andere Länder vorübergehend auszusetzen, um den Import von Alternativen aus Nordafrika und den USA zu erleichtern.

Tobias Goldschmidt (Grüne), Minister für Energiewende und Umwelt in Schleswig-Holstein, fordert daher Konsequenzen. Er sprach gegenüber der Deutschen Presse-Agentur dpa und plädiert für ein wirksames europäisches Sanktionsregime ohne Hintertür. Dadurch würde die Abhängigkeit von Russland reduziert und Europas Ernährungssouveränität gestärkt.

Deutsche Düngemittelherstellung abhängig von russischem Gas

Deutschland ist jedoch auch aufgrund der Folgen der Energiewende von Russland abhängig. Landwirt Henschke beschreibt nüchtern das strukturelle Dilemma: „Wir haben Düngemittelwerke in Deutschland, aber sie werden einfach stillgelegt, weil sie ohne russisches Gas wirtschaftlich nicht mehr betrieben werden können.“ Darüber hinaus verkauft Russland seine Düngemittel seit Jahren zu Preisen, mit denen europäische Hersteller einfach nicht konkurrieren können.

Auf Nachfrage von Euronews warnt Martin May, Geschäftsführer des Deutschen Landwirtschaftsverbands (IVA), daher ausdrücklich vor der Gefahr, dass heimische Produktionsanlagen dauerhaft schließen könnten – mit Folgen nicht nur für die Versorgungssicherheit, sondern auch für die Klimabilanz, da europäische Hersteller nach deutlich strengeren Umwelt- und Klimastandards produzieren als ihre russischen Konkurrenten.

Doch viele Landwirte haben nicht den Luxus, zu hinterfragen, woher ihr Dünger stammt. Kremer-Schillings sagt offen: „Ich kaufe meinen Dünger beim Hofverband und die liefern ihn auf meinen Anhänger. Ich weiß nicht, wo er herkommt.“ Er vergleicht es mit Medikamenten: Wer fragt schon, ob seine Tablette aus Indien oder China stammt? Man braucht den Dünger, wenn die Felder ihn brauchen.

Fields like this one need to be fertilised now - but lime ammonium nitrate currently costs around 15 per cent more in Germany than it did a month ago.

Fields like this one need to be fertilised now – but calcium ammonium nitrate currently costs around 15 per cent more in Germany than it did a month ago.


Domestische Düngerproduktion unter Druck

Für den IVA ist dies die eigentliche Lehre der Krise. „Eine starke inländische Düngerproduktion ist der wichtigste Pfeiler für Versorgungssicherheit und Preisstabilität“, sagt Geschäftsführer May. Allein die deutschen Produktionsanlagen könnten einen großen Teil der heimischen Nachfrage nach Mineraldüngern decken.

Deshalb sorgt sich die Branche um politische Entscheidungen in Europa. May warnt davor, dass die geplante Aussetzung des CO2-Grenzausgleichsmechanismus CBAM zentrale Rahmenbedingungen infrage stellt und die Zukunft der europäischen Produktion gefährdet.

Mehr als nur ein Preisschock

Der Verband der Deutschen Industrie (BDI) warnt ebenfalls vor einer weiteren Dimension der Krise: dem möglichen Verlust von Schwefel und anderem Rohmaterial aus der Golfregion, das Nebenprodukte der Erdgasproduktion sind und für die Düngerherstellung wichtig ist. Wenn die Eskalation im Iran weitergeht, würde das nicht nur Folgen für Europa haben. Die Ernährungssicherheit in Afrika und dem Nahen Osten könnte ebenfalls unter Druck geraten – mit potenziellen Auswirkungen auf Migration und regionale Stabilität.

Lennart Krüger

Lennart Krüger

Ich bin Lennart Krüger, Redakteur bei S-Bahn Hamburg. Ich schreibe über Stadtleben, Kultur und alles, was Hamburg bewegt – von neuen Projekten bis zu verborgenen Geschichten. Meine Leidenschaft: die Vielfalt dieser Stadt in Worte zu fassen.