Die Ukraine setzt im Krieg auf Hunderttausende von Drohnen und rüstet ihre Systeme ständig weiter auf. Auch die Bundeswehr rüstet auf, hat jedoch noch Nachholbedarf bei Beschaffung, Ausbildung und Anpassung.
Die Ukraine soll laut ukrainischen Medien mittlerweile rund 500.000 Drohnen pro Monat produzieren, um sich gegen die russische Invasion in vollem Umfang zu verteidigen. Demnach habe sich dieser Ausstoß in der Spanne eines Jahres nahezu verdoppelt. Doch die schiere Zahl der Drohnen sei für die ukrainische Armee nicht entscheidend: Die unbemannten Systeme würden nahezu jede Woche aufgerüstet und angepasst.
Eine der Firmen, die diese fortlaufende Drohnenrevolution und -entwicklung vorantreibt, ist das ukrainische Unternehmen Buntar Aerospace, das seiner Buntar Copilot-Software eine neue Funktion hinzugefügt hat, die Aufklärungsdrohnen vollständig ferngesteuert.
Es bedeutet, dass nur noch ein kleines Team am Startort bleibt, während Missionen von Hunderten oder sogar Tausenden von Kilometern entfernt durchgeführt werden können.
„Das Hauptziel besteht darin, die Sicherheit erfahrener Besatzungen zu gewährleisten. Sobald die Drohne in der Luft ist, kann der Pilot die Mission von einem sicheren Standort aus durchführen, während das Startteam das Gebiet rasch verlässt“, sagte Bohdan Sas, einer der Gründer von Buntar, gegenüber Euronews.
Im Gegensatz zu anderen Firmen verlässt sich Buntar nicht auf externe Remote-Desktop-Software, sondern hat sie direkt in seine eigene Missionsplanungsplattform integriert. Der Grund, so Sas, sei einfach: „Der Krieg hat sich verändert, und Fernsteuerung ist nun ein unverzichtbarer Standard.“
Wie schnell Innovationen im Krieg voranschreiten können
Nicht nur müssen sich Soldaten an die Realitäten des Krieges anpassen; auch die Systeme selbst legen diese Anpassung vor. Am Beispiel von Kaban wird dies deutlich. Das ukrainische Unternehmen Kaban wandelt vorhandene Fahrzeuge wie das US-HMMWV (High Mobility Multipurpose Wheeled Vehicle, besser bekannt als Humvee) so um, dass sie aus sicherer Distanz ferngesteuert betrieben werden können.
Der Vorteil besteht darin, dass man kein völlig neues unbemanntes Fahrzeug entwerfen muss; vorhandene Hardware kann relativ zügig für neue Aufgaben angepasst werden. Das Entwicklungstempo sei noch auffälliger: Der leitende Entwickler des Systems sagte, neue Funktionen würden direkt als Antwort auf Rückmeldungen ukrainischer Soldaten eingeführt.
In einem Fall schlugen Soldaten vor, als ein Fahrzeug übergeben wurde, dass die Außenbeleuchtung sich automatisch ausschalten solle, wenn die Kommunikation verloren geht. Die Modifikation wurde in etwa 15 Minuten umgesetzt.
Auch die Kameras wurden direkt aus den Erfahrungen an der Front angepasst: Weil entgegenkommende Scheinwerfer die Hauptkamera nachts blenden könnten, wurde eine Funktion hinzugefügt, die dem Fahrer das Umschalten auf die Wärmebildkamera auf Knopfdruck ermöglicht.
Wie Kaban Euronews sagte: „Manchmal bemisst sich die Zeit zwischen einer Anregung durch Militärpersonal und der Umsetzung einer neuen Funktion nicht in Monaten oder Wochen, sondern buchstäblich in Minuten.“
Passen sich die Bundeswehr dem modernen Krieg an?
Drohnen spielen auch in der deutschen Bundeswehr eine zentrale Rolle. Deutschland versucht nun, die industrielle Produktion hochzufahren. Vor einigen Monaten hatte der Haushaltsausschuss des Bundestages der Lieferung tausender sogenannter „Kamikaze“-Drohnen für die Bundeswehr unter Auflagen zugestimmt. Dabei handelt es sich um vergleichsweise kostengünstige Systeme, die darauf ausgelegt sind, einzelne feindliche Ziele über große Entfernungen präzise zu treffen.
Deutschland produziert zwar möglicherweise noch nicht so viele Drohnen wie die Ukraine, doch die Produktion wurde deutlich hochgefahren. Bayern sei dabei in besonderem Maße zu einem Zentrum für zahlreiche Drohnenhersteller geworden, darunter Quantum Systems, Helsing, ARX und Airlogix, die Berichten zufolge mit der Massenproduktion von mehr als 5.000 Langstrecken-Kampf-Drohnensystemen für die Ukraine begonnen hätten. Und Bayern sei nicht der einzige Standort: Laut einem Bericht der Zeitung Welt sei bereits eine weitere Produktionsstätte in Ostdeutschland geplant.
In dem letzten Bericht des Parlamentarischen Militärsbeauftragten Henning Otte schrieb dieser, dass „die Streitkräfte bei der Beschaffung moderner unbemannter Systeme deutlich hinterherhinken“.
Bei einem Truppenausflug wurde Kritik geäußert, dass die KZO- und LUNA-Drohnen bereits veraltet seien, als sie eingeführt wurden. Die Priorität müsse nun darin bestehen, neue Systeme „rasch in die Serienproduktion zu bringen“ und in großer Stückzahl an die Truppen zu liefern.
Das Problem ist jedoch nicht allein die Produktion. Otte kritisiert außerdem die Beschaffungsprozesse der Bundeswehr als zu bürokratisch. Seiner Ansicht nach reicht mehr Geld allein nicht aus. Er schreibt, dass der „blanke Verweis auf Unterfinanzierung der Bundeswehr“ nicht länger eine Ausrede sei. Stattdessen müsse die Beschaffung beschleunigt und die Einsatzkräfte von „nicht-militärischer Bürokratie“ entlastet werden.
Was Drohnen betrifft, sieht der Sicherheitsexperte Dr. Frank Sauer daher die Technologie als das geringere Problem an. „Aufholen und die Lücke zu schließen ist hier durchaus möglich und tatsächlich bereits im Gange, wenn auch zu deutlich höheren Preisen pro Drohne, weshalb deutsche Produkte in der Ukraine nicht besonders beliebt sind“, sagte er Euronews.
„Das eigentliche Problem ist, wie wir mit diesen neuen Systemen umgehen, die veränderte Geometrie des Schlachtfelds verinnerlichen und neue Taktiken und Verfahren zusammen mit den organisatorischen ‚Muskeln‘ entwickeln, die damit einhergehen. Ich fürchte, wir sind noch zu sehr an alten Wegen festgehalten und lernen nicht schnell genug.“
Freuding: „Jeder muss es lernen, jeder muss es können“
Generalleutnant Dr. Christian Freuding sagte dem Nachrichtenportal RND in einem Interview, dass die Grundausbildung bereits einen Einführungslehrgang in der Bedienung von Drohnen umfasst.
„Jeder muss es lernen, jeder muss es auch können“, betonte Freuding und hob hervor, dass jeder Soldat ein Drohnenaufklärungsoperator oder ein Gegen-Drohnen-Spezialist sein müsse.
Für die deutsche Bundeswehr liegt die Herausforderung demnach nicht nur in der Beschaffung, sondern auch in der Fähigkeit, sich anzupassen und aus aktuellen Konflikten zu lernen. Wie weit die Bundeswehr sich der neuen Form der Kriegsführung anpasst, zeigte sich am diesjährigen Übungsformat „Freedom Shield I“ in Litauen: Soldaten mussten Drohnen selbst fliegen und sich gegen sie mit improvisierten Drohnengittern eigener Konstruktion schützen.
Kevin, ein Panzerkommandant des in Augustdorf ansässigen Panzerbataillons 203, sagte Euronews nach der Übung, es sei das erste Mal gewesen, dass er eine Drohne geflogen habe. Das Erlernen der Funktionsweise habe drei Minuten gedauert, so der Offizier.

