Nach angespannter Wortwechsel zwischen Wirtschaftsministerin Reiche und Finanzminister Lars Klingbeil hat die Regierung am Wochenende Verhandlungen geführt. Wird es der Koalition gelingen, die Belastung der Bürger zu lindern, oder wird sie scheitern?
Die regierende Koalition Deutschlands hat nach einem Wochenende mit Marathonverhandlungen ein Notpaket für die Energieversorgung vereinbart, das die Mineralölsteuer auf Diesel und Benzin um rund 17 Cent pro Liter für zwei Monate senkt, als Reaktion auf die stark gestiegenen Kraftstoffpreise.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD), SPD-Vorsitzende Bärbel Bas und CSU-Chef Markus Söder stellten die Ergebnisse am Montagmorgen nach Gesprächen vor, die bis in die Nacht hinein in Villa Borsig gedauert hatten.
„Wir alle teilen die Sorge, dass wir uns in einer schwierigen Lage befinden“, sagte Merz und verwies dabei auf wirtschaftliche und geopolitische Drucklagen.
Die Koalition habe „unverzügliche Hilfe angesichts steigender Energiepreise eingeführt“, fügte er hinzu und beschrieb die Maßnahmen als „sehr konkrete Entlastung“, die die Situation für Autofahrer und Unternehmen im Land, insbesondere für jene, die beruflich viel mit dem Auto unterwegs sind, „sehr schnell verbessern“ würden.
Klingbeil sprach ebenfalls von einer „realen und spürbaren Entlastung“.
Die Steuersenkung wird durch kartell- und steuerliche Maßnahmen gegenfinanziert.
Das Kartellrecht soll verschärft werden, um Preistreiberei zu bekämpfen, und Unternehmen sollen ihren Arbeitnehmern einen einmaligen Entlastungsbonus von bis zu 1.000 Euro zahlen können.
Merz war jedoch deutlich, dass der Staat nicht jede Marktentwicklung ausgleichen könne.
„Der Krieg im Iran ist die eigentliche Ursache der Probleme, die sich auch in unserem Land zeigen“, sagte er, zumindest was die Energiepreise betrifft.
„Wir tun alles, was wir können, um diesem Krieg ein Ende zu bereiten.“
Krise an den Zapfsäulen
Der Hintergrund ist ein scharfer Anstieg der Kraftstoffpreise, getrieben durch die Unterbrechung des Öltransports durch die Straße von Hormus, durch die rund ein Fünftel des weltweiten Öldeftrums transportiert wird.
Die Benzinpreise haben in einigen Teilen Deutschlands die Marke von zwei Euro pro Liter bei Diesel und Benzin überschritten.
Ein früheres Paket — das Tankstellen auf eine Preisänderung pro Tag beschränkte und dem Kartellamt größere Befugnisse zur Überprüfung des Verhaltens der Ölunternehmen gab — hat den Verbraucher bislang wenig Entlastung gebracht.
„Die Benzinpreiskrise ist größer als je zuvor“, sagte Sachsen-Anhalts Regierungschef Sven Schulze (CDU) der Bild.
„Wir brauchen in dieser Woche Ergebnisse darüber, wie die hohen Benzinpreise endlich reduziert werden können. Es ist wichtig, dass Bürger und Unternehmen die Reduzierung sofort spüren und nicht erst in Wochen oder Monaten.“
Auch von den Ministerpräsidenten Thüringens und Mecklenburg-Vorpommerns kam Druck.
Manuela Schwesig (SPD), Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, hatte zu einer Sondersitzung der Landeschefs mit dem Kanzler zu Energiepreisen aufgerufen.
Koalitionsspannungen
Die Vereinbarung kam nach einem öffentlichen Schlagabtausch zwischen Koalitionspartnern, der die Regierung vor den Wochenendgesprächen ins Wanken gebracht hatte.
Klingbeil hatte am Freitag zu einem Krisengipfel eingeladen, zu dem Vertreter von Gewerkschaften und Arbeitgebern zusammenkamen, und nutzte ihn, um eine Benzinpreisobergrenze und einen Mobilitätsbonus zu fordern, der durch eine Windfallsteuer auf Energieunternehmen finanziert werden sollte.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche blieb dem Gipfel fern, trat aber vor Kameras und kritisierte scharf die Vorschläge der SPD als „teuer, wirkungslos und verfassungswidrig“.
Der CDU-Sozialflügel kritisierte Reiches öffentliche Äußerungen ebenfalls. Ein stellvertretender Vorsitzender des CDU-Arbeitsflügels ging noch weiter und sagte dem SWR-Radio, ein „Austausch“ der Ministerin sei unumgänglich, nachdem sie dem Kanzler widersprochen habe.
Was wurde sonst noch vereinbart
Über die Senkung der Kraftstoffsteuer hinaus behandelten die Verhandlungen am Wochenende auch eine Steuerreform, die Entlastungen für Gering- und Mittelschicht-Einkommen vorsieht und 2027 in Kraft treten soll, sowie Reformen im Gesundheitswesen und den Bundeshaushalt.
Merz räumte ein, dass noch viele weitere Vereinbarungen nötig seien.
Söder beschrieb die Steuersenkung als „schnell, stark, unbürokratisch“ und als wichtiges Signal für die kommenden Monate, wobei er darauf hinwies, dass sie sowohl für Verbraucher als auch für Unternehmen gilt.
In Bezug auf die kartellrechtlichen Maßnahmen sagte Bas, das Gesetz müsse zu „einem scharfen Schwert“ werden und zu einem der wichtigsten Instrumente „U Abzocke an den Tankstellen zu verhindern“.