Deutschland erweitert sein IRIS-T-Luftverteidigungssystem. Könnte die neue SLM/X-Variante Europas Antwort auf das US-Patriot-System sein?
Diehl Defence hat einen einheitlichen Raketenwerfer vorgestellt, der sowohl mittel- als auch langreichweitige Varianten des deutschen IRIS-T-Luftverteidigungssystems abfeuern kann – das nach seinen Fähigkeiten Europas Antwort auf das US-amerikanische Patriot-System sein könnte.
Das deutsche Verteidigungsunternehmen präsentierte den Werfer auf der Enforce Tac, Deutschlands führender Messe für Sicherheit und Verteidigung, auf der das IRIS-T SLM-Mittelstrecken-System und das IRIS-T SLX-Langstrecken-System zusammengeführt werden. Der neue Werfer kann beide Raketenvarianten abfeuern, sogar gemischt innerhalb derselben Batterie.
Das IRIS-T SLM-System besteht aus einem mobilen Kommandozentrum, einem Radar und mehreren Startfahrzeugen mit Abfangwaffen. Das Radar kann Ziele bis zu 250 Kilometer entfernt erkennen, darunter Drohnen, Flugzeuge und Marschflugkörper.
Die Raketen können Ziele bis zu 40 Kilometer entfernt treffen und in Höhen von bis zu 20 Kilometern eingesetzt werden, laut mehreren Fachmedien. Die IRIS-T SLX-Variante hat eine Abfangreichweite von bis zu 80 Kilometern.
Im Vergleich zum Patriot-System ähnelt die IRIS-T SLM eher einer zusätzlichen Verteidigungsschicht als einem direkten Ersatz.
Anders als Patriot ist das System nach wie vor in erster Linie für die Abwehr ballistischer Raketen konzipiert. Allerdings kann das IRIS-T-System bereits gegen Drohnen, Flugzeuge und Marschflugkörper eingesetzt werden.
Was ist so besonders am US-Patriot-System?
Das Patriot-Luftverteidigungssystem wurde von den USA während des Kalten Krieges entwickelt, um Militärbasen und Städte vor Luftangriffen zu schützen. Nachdem seine vollumfängliche Entwicklung 1976 begann, wurde das System ab 1984 eingesetzt und gilt heute als eines der wichtigsten Luftverteidigungssysteme im Westen.
Der Kern des Systems ist ein leistungsstarkes Radar, das Ziele bis zu 150 Kilometern entfernt erkennen und mehrere Bedrohungen gleichzeitig verfolgen kann. Eine Patriot-Batterie besteht aus Radar, Feuerleitzentrale, Abschussanlagen, Antennen und einer Stromversorgung und kann innerhalb weniger Stunden eingesetzt werden.
Ursprünglich zum Schutz gegen Flugzeuge entwickelt, wurde Patriot später mehrfach modernisiert. Mit dem Patriot Advanced Capability-Modell, oder PAC, kann das System nun auch gegen ballistische Raketen kämpfen.
Die neueste modernisierte Version, PAC-3 MSE, zerstört Ziele durch einen Direkttreffer, auch bekannt als „Hit-to-Kill“, und erreicht deutlich größere Reichweiten und Präzision.
Das System ist technisch sehr komplex und teuer: Eine einzige Batterie kostet über 1 Milliarde Dollar, eine moderne Abfangrakete rund 5 Millionen Dollar.
Allerdings können russische ballistische Raketen mit den PAC-3 MSE-geleiteten Raketen abgeschossen werden. Im Vergleich dazu eignet sich das IRIS-T-System aufgrund seiner begrenzten Flughöhe nur eingeschränkt zur Abwehr ballistischer Raketen.
Luftverteidigung stark nachgefragt
Der russische Angriffskrieg in der Ukraine hat gezeigt, dass moderne Raketen oft nur durch das US-hergestellte Patriot-System abgefangen werden können. Mehrere Systeme dieser Art sind deshalb erforderlich, um einen umfassenden Schutz zu gewährleisten, insbesondere für Großstädte.
Berichten zufolge verfügt die Ukraine über sieben Patriot-Systeme. Ukrainischer Präsident Wolodymyr Selenskyj hat daher die westlichen Verbündeten Kiews wiederholt um mehr Unterstützung bei der Luftverteidigung gebeten.
Sowohl die USA als auch europäische Länder haben begrenzte Vorräte, während die Nachfrage aufgrund des Krieges in der Ukraine rasch zunimmt.
In den letzten vier Jahren hat Deutschland bereits mehrere MIM-104 Patriot-Systeme an die Ukraine geliefert. Eine Ersatzlieferung wird voraussichtlich erst Ende des Jahrzehnts verfügbar sein.
Das Patriot-System ist weltweit stark nachgefragt und wird in 18 Ländern geliefert. Eine Einheit besteht aus Radar, Feuerleitzentrale, Antennenmast und drei bis acht Abschussanlagen, und in der Regel dauert es etwa drei Jahre von der Bestellung bis zur Lieferung.
Nach Angaben des US-Mediums The Atlantic hat die US-Regierung im vergangenen Jahr Exporte dieser Systeme vorübergehend gestoppt, da Engpässe vermutet wurden und sie primär für den eigenen Gebrauch reserviert werden sollten.