Antisemitische Straftaten in Deutschland sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen und erreichten 2024 einen neuen Höchststand. Laut dem Mediendienst Integration wurden 6.236 Fälle registriert, darunter 173 Gewalttaten.
Ein israelisches Restaurant in München stand in der Nacht zum Freitag Ziel eines vermuteten antisemitischen Angriffs, wobei die Polizei die unbekannten Täter und deren Motiv prüft, wie die Behörden mitteilten.
Augenzeugen berichteten, gegen 0:45 Uhr Ortszeit drei laute Knallgeräusche gehört zu haben. Nach Angaben der Polizei warfen unbekannte Personen pyrotechnische Vorrichtungen in den Speiseraum des Eclipse-Restaurants. Der genaue Typ der Vorrichtung wird noch von forensischen Gutachtern untersucht.
Der mutmaßliche Brandanschlag verursachte mehrere Tausend Euro Schaden. Es gab keine Verletzten, da sich zum Zeitpunkt des Vorfalls keine Gäste oder Mitarbeiter im Lokal befanden. Zwei Frontfenster wurden eingeschlagen, ein weiteres beschädigt.
Das Motiv ist unklar. Eine sofortige Fahndung nach Verdächtigen blieb ohne Erfolg.
Die Münchner Kriminalpolizei hat die Ermittlungen inzwischen übernommen, wobei auch Andreas Franck, Antisemitismus-Beauftragter des bayerischen Justizsystems, beteiligt ist.
Eigentümer schwört Fortführung trotz Angriff
Das Restaurant sagte, zuvor keine Drohungen erhalten zu haben. Der Eigentümer Grigori Dratva deutete jedoch auf ein mögliches politisches Motiv hin.
„Wir wollen keine Anschuldigungen erheben, aber wir sind ein sichtbares israelisches Restaurant, daher ist der Verdacht offensichtlich“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur dpa.
Ungeachtet des Angriffs plant das Restaurant, noch am selben Tag wieder zu eröffnen. Die beschädigten Fenster wurden vorübergehend gesichert und werden ersetzt.
„Wir lassen uns nicht einschüchtern. Wir werden öffnen“, sagte Dratva.
Unterdessen hat das Restaurant eine Welle der öffentlichen Solidarität erhalten. Eine Kundgebung ist für 17 Uhr Ortszeit in der Nähe des Veranstaltungsortes geplant, bei der mehrere Organisationen und Einzelpersonen erwartet werden.
Der Angriff löste auch politische Reaktionen aus. „Die beste und sinnvollste Reaktion auf diesen Anschlag ist es, das Restaurant zu besuchen und dort zu speisen“, schrieb Israels Generalkonsulin für Süddeutschland, Talya Lador-Fresher, auf Instagram.
Ludwig Spaenle, Antisemitismus-Beauftragter der Bayerischen Regierung, beschrieb den Vorfall als Angriff auf den interkulturellen Dialog: „Man kann die israelische Regierung kritisieren, aber man darf solche Institutionen nicht angreifen.“
Antisemitische Straftaten auf Rekordniveau
Antisemitische Straftaten in Deutschland sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen und erreichten 2024 einen neuen Höchststand. Laut dem Mediendienst Integration wurden 6.236 Fälle registriert, darunter 173 Gewalttaten.
Sicherheitsexperten ordnen rund die Hälfte dieser Delikte dem rechtsextremen Spektrum zu, während ungefähr 31% mit dem in Behördenkreisen als „ausländische Ideologie“ bezeichneten Zusammenhang stehen.
Die Zahl der Delikte im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt hatte sich zwischen 2022 und 2023 bereits nahezu verdoppelt.
Im Zuge des von Hamas geführten Angriffs auf Israel am 7. Oktober 2023 und der anschließenden israelischen Militäroffensive im Gazastreifen verzeichnete das Bundeskriminalamt (BKA) bis Ende September 2025 insgesamt 15.900 politisch motivierte Straftaten.
Etwa 6.400 dieser Fälle wurden als antisemitisch eingestuft. In den Jahren 2023 und 2024 wurden die meisten Delikte den Behörden zufolge einer „ausländischen“ oder „religiösen Ideologie“ zugeschrieben.
Antisemitische Delikte in Deutschland reichen von Aufstachelung zum Hass gemäß Paragraph 130 StGB bis zu Sachbeschädigungen, verbaler Beleidigung und physischen Angriffen auf jüdische Personen.
Die Polizei meldet zudem eine wachsende Zahl von Fällen, in denen Symbole verfassungswidriger Organisationen verwendet werden (§ 86a StGB).
In einigen Fällen gehörte dazu auch der Slogan „From the river to the sea“. Deutsche Gerichte haben unterschiedliche Entscheidungen dazu getroffen, ob dessen Verwendung eine Straftat darstellt.
Zivilgesellschaftliche Gruppen melden außerdem eine Zunahme von Angriffen auf Gedenkstätten und Erinnerungsorte.
Kritik an offiziellen Daten
Offizielle Polizeistatistiken stehen schon lange in der Kritik, und Experten gehen davon aus, dass viele Vorfälle unausgeschöpft bleiben.
Eine Studie der Universität Bielefeld ergab, dass nur etwa jeder Vierte der von antisemitischen Vorfällen Betroffenen diese Vorfälle den Behörden meldet.
Begründet wird dies unter anderem durch mangelndes Vertrauen in Institutionen und Zweifel, ob eine Meldung zu sinnvollen Konsequenzen führt.
Unabhängige Organisationen melden in einigen Fällen deutlich höhere Zahlen.
Das Forschungs- und Informationszentrum Antisemitismus (RIAS) verzeichnete 2024 landesweit 8.627 antisemitische Vorfälle, ein Anstieg von etwa 77% gegenüber 2023 (4.886 Fälle). Die Daten basieren auf Meldungen, die an die Bundes- und Regionalbüros eingereicht wurden.
Allerdings ist die Methodik von RIAS ebenfalls in Kritik geraten, da einige Beobachter argumentieren, dass seine Definition von Israel-bezogenem Antisemitismus zu breit gefasst sein könnte.