Seit Tagen gehen Meeresbiologen davon aus, dass es keine Rettung für Timmy, den Buckelwal, gibt, der in der Wismarer Bucht gestrandet ist. Der Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern spricht nun von einem „minimalinvasiven Versuch, den Wal zu mobilisieren“.
„Es macht keinen Sinn, ein Tier zu tragen, das zu schwach ist, um in tieferes Wasser zu schwimmen. Es ist, als würde man einen Vogel, der gegen die Windschutzscheibe geprallt ist, in die Luft werfen und hoffen, dass er wieder fliegt. Dann stirbt der Vogel irgendwo anders, bloß nicht vor meiner Haustür. Das ist Folter für dieses Tier.“ Das sagt Lisa Klemens vom Deutschen Meeresmuseum Stralsund in einem Interview mit der führenden deutschen Tageszeitung SZ.
Ihre Kollegin, die Meeresbiologin Anja Gallus, nimmt ebenfalls eine kritische Sicht auf die Art und Weise ein, wie der Buckelwal, den Menschen und den Medien liebevoll als „Timmy“ bezeichnet wird, behandelt wird. Für die Forschenden hat er keinen Namen: „Der Wal ist ein wildes Tier, kein Haustier, mit dem man eine liebevolle Beziehung aufbauen kann. Das bedeutet nicht, dass wir für dieses Tier keine Gefühle haben. Wir versuchen, ihm so gut wie möglich zu helfen. Deshalb sind wir in die Wissenschaft gegangen.“
Allerdings findet sich Lisa Klemens, die sich auf die Autopsie des geschwächten Tieres vorbereitet und online beschimpft und bedroht wird, damit wieder, das Wal „Timmy“ zu nennen.
Welche Geräusche könnten Timmy, den Wal, mobilisieren?
Der Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus, glaubt, dass es keine realistische Hoffnung mehr gibt, den Buckelwal zu retten.
Timmy hat jedoch vor kurzem am Samstagabend einige ungewöhnliche Geräusche gemacht. Wie der öffentlich-rechtliche Sender NDR berichtet (Quelle in Deutsch), prüft das wissenschaftliche Team nun, ob es sinnvoll ist, die Walgesänge von Timmy unter Wasser abzuspielen. Nach Angaben des Ministers handelt es sich um einen „minimalinvasiven Versuch, den Wal zu mobilisieren“.
Die Meeresbiologin Klemens spricht von dem Wal, der „knurrt“. Sie „fühlte sich fast zurechtgewiesen“, als das Tier Ende März knurrte, weil die Experten mit einem Boot nahe an ihn herangefahren waren.
Als Reaktion auf das Feuerwerk der Kritik hat das Umweltministerium in Schwerin nun den Bericht zur Bewertung des gestrandeten Buckelwals vor der Insel Poel (Quelle in Deutsch) ins Internet gestellt. Die Forscher des Deutschen Meeresmuseums weisen jedoch darauf hin, wie wenig begründet die Anschuldigungen oft sind, wenn Menschen – „mit einem Megafon in der einen Hand und einem Fischsandwich in der anderen“ – protestieren.
Wie lange wird es dauern, bis Timmy stirbt?
Niemand kann sagen, wie lange es dauern wird, bis der gestrandete Buckelwal stirbt. Die Meeresbiologin Gallus erklärt: „Es klingt hart, aber wir müssen möglicherweise warten, bis der Wal verhungert ist, und das kann Zeit brauchen. Wale fressen sechs Monate lang nicht. Obwohl er gerade aus einer Region kommt, in der er wenig gefressen hat, ist er noch nicht völlig ausgemergelt.“ Die Forscher geben zu, dass dies grausam erscheinen mag.
In den letzten Wochen hat Timmy wiederholt Verhaltensweisen gezeigt, die von dem normalen Verhalten eines Buckelwals abweichen: Er schwimmt ins offene Meer hinaus. Das scheinbar verletzte Tier ist wiederholt in die flachen Küstengewässer zurückgekehrt.
Die Gefahr von Reusen in der Ostsee
Die Meeresbiologen aus Stralsund gehen davon aus, dass Timmy in eine Reuse geraten ist, in der die im Ostsee-Gebiet heimischen Schweinswale oft in Qual vergehen.
Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace kritisieren die bis zu 15 Meter hohen und bis zu 15 Kilometer langen Nylonnetzwände aufgrund der enormen Mengen an sogenanntem Beifang: Enten und andere Seevögel, aber auch Meeressäuger, die die dünnen Netze nicht erkennen, verfangen sich darin und sterben.
Lisa Klemens erklärt, dass zwar viele Menschen an Timmys Schicksal interessiert seien und sich ein Happy End erhoffen, viele wichtige Probleme jedoch unbeachtet bleiben: „Setznetze sind eine große Gefahr, die Tiere sterben darin einen grausamen, menschengemachten Tod. Doch daran interessiert sich niemand; darauf bekommen wir nicht so viel Aufmerksamkeit.“