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Traum geplatzt: Dieses Paar zieht nach Freiburg im Breisgau – und entdeckt die unerwarteten Schattenseiten hinter der Postkarten-Idylle

23. Januar 2026

Ein Aufbruch mit unerwarteten Folgen

Wer der Stadt den Rücken kehrt, träumt oft von Stille und Natur. Auch Sophie, 38, und Marc, 41, verließen Lyon, um im Périgord einen Neuanfang zu wagen. Die Dordogne, das grüne Herz der Nouvelle-Aquitaine, schien ideal – bis die Wirklichkeit ihre Kanten zeigte.

Sie zogen in ein Dorf mit rund 350 Einwohnern, unweit von Sarlat. Das liebevoll renovierte Steinhaus wirkte wie ein Rückzugsort, doch die Beziehungen vor Ort erwiesen sich als komplex.

Ankommen zwischen Nähe und Distanz

Die ersten Wochen waren von höflicher Neugier geprägt, aber auch von spürbarer Distanz. Ein Nachbar witzelte über „Städter“ – ein humorvoller Satz, der dennoch eine Grenze markierte. Im Dorf, in dem sich viele seit Generationen kennen, bleiben Neuzuzüge lange die Neuen.

Beide arbeiten im Homeoffice in digitalen Berufen, was auf dem Land noch nicht überall verbreitet ist. Das passte nicht immer zu einem Alltag, der stark von Handwerk, Landwirtschaft und Tourismus geprägt ist.

Ein Sommer, der alles verändert

Mit den warmen Monaten kommt die große Wende: Straßen füllen sich, Wanderwege werden zu Trampelpfaden, Terrassen sind bis tief in den Abend belebt. Die ruhige Frühlingsidylle weicht einem lebhaften Sommerbetrieb, der die Region wirtschaftlich trägt – und den Alltag auf den Kopf stellt.

Selbst das Parken vor dem eigenen Haus wurde zum Problem, erzählen sie. Gegenüber entstand ein Airbnb, beliebt bei Reisenden aus ganz Europa – ein Gewinn für die Kasse, aber ein ständiger Wechsel in der Nachbarschaft.

„Im Frühling hörst du nur Vögel, im Sommer rollt eine Karawane durch die Gassen – beides gehört hier dazu.“

Wenn Lebenswelten aufeinandertreffen

Mehr als der Trubel traf sie das langsame Tempo der Integration. Niemand war unhöflich, doch es brauchte Zeit, bis aus Grüßen echte Gespräche wurden. Manche fragten, ob Zugezogene die Preise treiben – ein heikles Thema auf einem angespannten Wohnungsmarkt.

Gleichzeitig lernten sie die Codes des Dorfes: nicht sofort verändern, erst zuhören; beim Vereinsfest mitanpacken; den Bürgermeister nicht nur für Probleme anrufen. So wächst Vertrauen – langsam, aber ehrlich.

Ein verbreitetes Phänomen – auch jenseits der Grenze

Landlust und Realität: Zuzug in ländliche Regionen

Seit der Pandemie entdecken viele die Landidylle neu – in Frankreich wie in Deutschland. Was verheißungsvoll beginnt, kollidiert oft mit knappen Arztterminen, langen Wegen und saisonaler Überlastung. Die Karte vom stillen Land überdeckt eine komplexe Wirklichkeit.

Typische Stolpersteine für Neo-Landbewohner:

  • Integration in gewachsene Gemeinschaften braucht mehr Zeit als gedacht
  • Infrastruktur ist dünn: medizinische Versorgung, ÖPNV, Schulen
  • Immobilien-Druck durch Ferienvermietungen und Zweitwohnsitze
  • Saisonalität prägt Lärm, Einkommen und Lebensrhythmus
  • Arbeitswelt-Konflikte zwischen digitaler Remote-Kultur und lokalen Traditionen

Zwischen Ideal und Alltag entsteht ein neues Gleichgewicht

Nach zwei Jahren ziehen beide eine ehrliche Bilanz: Sie bleiben – aber anders. Sie meiden große Events im Hochsommer, engagieren sich im Verein, kaufen auf dem Wochenmarkt ein. Kleine Schritte, die zu verlässlichen Kontakten geführt haben.

„Wir wollten nichts überstülpen, sondern verstehen“, sagt Marc. Sophie ergänzt, dass sie heute mit der Ambivalenz gut leben können: mit der Ruhe im Frühjahr und dem Gedränge im August, mit Nähe und Abstand zugleich.

Die Erfahrung zeigt, wie stark Orte von ihren Routinen leben – und wie Zugezogene zwischen Wunschbild und Realität ihren Platz finden. Nicht jede Landliebe hält, doch wer bleibt, findet oft eine robuste, wenn auch leise Verbundenheit.

Lennart Krüger

Lennart Krüger

Ich bin Lennart Krüger, Redakteur bei S-Bahn Hamburg. Ich schreibe über Stadtleben, Kultur und alles, was Hamburg bewegt – von neuen Projekten bis zu verborgenen Geschichten. Meine Leidenschaft: die Vielfalt dieser Stadt in Worte zu fassen.