Haftungsausschluss: Diese Website steht in keiner Verbindung zur Deutsche Bahn AG oder deren Tochtergesellschaften. S-Bahn Hamburg ist ein unabhängiges, privat betriebenes Online-Magazin und nicht Teil der Deutschen Bahn-Gruppe.

Weniger bekannt als Bayern vereint dieses Gebiet zahlreiche der malerischsten Dörfer Europas

13. Januar 2026

Wer Europa durchquert, jagt oft den großen Namen hinterher. Doch gleich hinter dem Rhein liegt das Elsass, eine Region, die ihre Schönheit nicht hinausposaunt, sondern still aufbewahrt. Zwischen sanften Hügeln, Rebreihen und mittelalterlichen Gassen entfalten sich Dörfer, die wie Aquarelle wirken – dicht, farbig, handgemacht. Ein Winzer sagte mir einmal: “Die schönste Straße ist hier die, die man zu Fuß entdeckt.”

Zwischen Weinreben und Fachwerk

Im Schatten der Vogesen schmiegt sich ein Band aus Weinorten an die Hänge. Fachwerkhäuser mit geschnitzten Balken, Geranien in übervollen Fensterkästen, Kopfsteinpflaster, das die Schritte sachte bremst. Alles steht nah beieinander: Kirche, Brunnen, Weingut, Winstub. Die Dörfer sind klein, doch ihre Details sind groß – ein Türklopfer in Form einer Traube, ein handgemalter Ladenname, ein Holzbalkon voller Geschichten.

Die Farben kommen nicht aus dem Katalog, sondern aus Jahrhunderten: Ocker, Malachit, Taubenblau, ein wenig Terrakotta. Wenn die Sonne wandert, wird das Licht weich, die Schatten tiefer, der Geruch nach Most und Holz süßer. “Hier lebt man im Rhythmus der Jahreszeiten”, flüstert der Wind zwischen Blättern und Giebeln.

Die Seele der Weindörfer

Früh morgens klirren Gläser in den Höfen, später duftet es nach Flammkuchen und Heu. Riesling, Sylvaner, Gewürztraminer: keine Etikettenschau, sondern Handwerk in Flaschen. In den Winstuben werden Geschichten ausgeschenkt, zusammen mit Sauerkraut, Käse und Brot. “Ein guter Wein hat den Akzent seiner Landschaft”, sagt eine Winzerin, “und diese Landschaft hat Takt.”

Wer durch die Gassen schlendert, merkt: Hier geht es um Nähe. An jeder Ecke ein Weinkeller, hinter jeder Ecke ein noch kleinerer Weinberg. Zwischen Spalieren laufen Kinder, auf Dachfirsten klappern Störche. Man spricht Französisch, Deutsch, Elsässisch – Sprachen, die wie Wege ineinanderfließen.

Fünf Orte, die verzaubern

  • Eguisheim: Rundgassen wie konzentrische Ringe, überall Stein, Holz und Wein. Ein Dorf, das sich selbst umarmt.
  • Riquewihr: Stadtmauern, Tore, Türme – und mittendrin ein Märchen aus Fachwerk. Süß, aber nie kitschig.
  • Kaysersberg: Eine Brücke mit Blick auf eine Burg, Wasser unter den Bohlen, Weinberge im Rücken. Ein Postkartenmotiv, das atmet.
  • Ribeauvillé: Drei Burgen über den Dächern, Musik aus Kellern, Kräuter in den Fensternischen. Mittelalter mit Gegenwart.
  • Obernai: Marktplatz, Brunnen, Marktfrauen mit Körben. Hier mischen sich Alltag und Anmut.

Spaziergänge, die bleiben

Der schönste Plan ist oft kein Plan. Vom Dorfrand führt ein Pfad in den Weinberg, vom Weinberg auf einen Kreuzweg, vom Kreuzweg zu einer Kapelle, die das ganze Tal überblickt. Abends, wenn die “blaue Stunde” über die Dächer rinnt, wird jede Laterne zur Bühne. Man bleibt stehen, hört eine Tür knarzen, riecht Most, hört Lachen, vielleicht ein Akkordeon im Hinterhaus.

Wer genauer hinsieht, entdeckt kleine Rituale: die Tafel mit Kreidepreisen an der Winstub, die offene Scheune voller Pressen, das Bänkchen vor dem Haus, auf dem jemand “Bonjour” und “Guten Tag” in einem Atemzug sagt. Nichts ist aufgesetzt, alles begründet. Die Dörfer sind keine Kulisse, sondern Biotope der Gelassenheit.

Zwischen den Zeiten

Hier verläuft die Geschichte nicht in Kriegsjahren, sondern in Generationen. Grenzverschiebungen, Sprachen, Zugehörigkeiten – all das hat Spuren hinterlassen, keine Narben. In Schildern liest man doppelte Namen, in Rezepten doppelte Wurzeln. Ein Gugelhupf, der nach Rum und Sonntag schmeckt. Ein Sauerkraut, das gleichzeitig herzhaft und zart ist. Ein Dialekt, der klingt wie ein Bach über Kiesel.

Vielleicht ist das das Geheimnis: das Nebeneinander statt Entweder-oder. Holz neben Stein, Wein neben Wald, Tradition neben leiser Erneuerung. Junge Winzer experimentieren mit Naturwein, alte Reben beharren auf ihrem Tempo. “Hier hat die Zukunft Geduld”, sagt ein älterer Herr, die Hände in der Schürze.

Praktische Gelassenheit

Der beste Moment? Wenn die Reben leuchten: Frühherbst, wenn die Trauben voll sind und die Luft nach Äpfeln riecht. Auch im Frühling, wenn Mandelbäume rosa flüstern und die Terrassen noch halb leer sind. Wer kann, meidet die ganz großen Wochenenden und lässt sich stattdessen vom Wochentakt tragen.

Zug und Rad sind ideale Verbündete: kleine TER-Strecken, kurze Buslinien, Radwege zwischen Reben und Dörfern. Viele Winzerhöfe bieten Zimmer, manche sogar eine Schale Trauben neben das Bett. Und wenn man fährt, fährt man langsam. Nicht weil man muss, sondern weil die Kurven Geschichten erzählen.

Am Ende bleibt ein Echo aus Farben, Tönen und weichem Licht. Ein Gefühl, als hätte man nicht nur Orte, sondern Menschen kennengelernt. Vielleicht braucht es keine großen Namen, um große Erinnerungen mitzunehmen. Nur offene Augen, leere Taschen – und ein bisschen Zeit.

Lennart Krüger

Lennart Krüger

Ich bin Lennart Krüger, Redakteur bei S-Bahn Hamburg. Ich schreibe über Stadtleben, Kultur und alles, was Hamburg bewegt – von neuen Projekten bis zu verborgenen Geschichten. Meine Leidenschaft: die Vielfalt dieser Stadt in Worte zu fassen.