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Archäologische Sensation: Wissenschaftler entdecken die ältesten Darstellungen der Milchstraße im pharaonischen Ägypten

24. Januar 2026

Die Nachricht kommt aus der Schnittzone von Archäologie und Astronomie: Ein internationales Team um Or Graur hat in altägyptischen Bestattungsbildern die bislang ältesten visuellen Hinweise auf die Milchstraße identifiziert. Die Indizien verbinden die Himmelsgöttin Nut mit einer markanten, dunklen Struktur, die quer durch das sternenreiche Band unserer Galaxis verläuft. Die Beobachtung erweitert unser Bild davon, wie früh menschliche Kulturen den Nachthimmel interpretierten und in religiöse Erzählungen einbanden.

Die Himmelsgöttin Nut im neuen Licht

Im ägyptischen Pantheon steht Nut als Himmel selbst, als schützende, über die Erde gebogene Gestalt mit Sternen am Körper. Auf zahlreichen Särgen erscheint sie als nackte, elegant gekrümmte Figur, die Sonne und Sterne in ihrem Leib birgt. Diese Ikonografie markiert die Verbindung zwischen zyklischem Kosmos und irdischer Ordnung, zwischen Schutz, Wiedergeburt und dem täglichen Lauf des Lichts. Graur verknüpft diese Bildsprache mit konkreten Himmelsphänomenen, um verborgene astronomische Bezüge sichtbar zu machen.

Nut mit Sternenornament und dunkler Wellenlinie auf einem altägyptischen Sarg. Foto: Mykola Tarasenko / Odessa Archaeological Museum, NASU

Ikonografie, Daten und Methode

Das Team untersuchte 125 Darstellungen der Göttin auf insgesamt 555 Särgen, datiert über mehrere Jahrtausende ägyptischer Geschichte hinweg. Mit einer kombinierten Analyse aus ikonografischer Auswertung und himmelsmechanischen Simulationen prüften die Forschenden, wie Sterne, Sonne und die Milchstraße mit Nuts Körperhaltung korrespondieren könnten. Die Ergebnisse erscheinen im Journal of Astronomical History and Heritage und bauen auf einer früheren Studie zu altägyptischen Texten auf. Besonders auffällig ist eine nicht alltägliche, schwarze, gewellte Linie, die Nuts Körper in einigen seltenen Vignetten teilt.

Wesentliche Befunde:

  • Eine markante, dunkle Wellenlinie lässt sich mit der sogenannten Großen Spalte der Milchstraße in Verbindung bringen.
  • Sterne sind ober- und unterhalb dieser Linie annähernd gleichmäßig verteilt, was die visuelle Idee eines geteilten Himmels stützt.
  • Die seltene Linie taucht in wenigen, aber zentralen königlichen Gräbern und ausgewählten Sargmalereien auf.
  • Texte und Bilder legen eine Beziehung zwischen Nut und der Milchstraße nahe, ohne beide vollständig gleichzusetzen.

Die gewellte Linie und die Große Spalte

Auf dem äußeren Sarg der Sängerin Nesitaudjatakhet zieht sich eine breite, dunkle Wellenlinie von den Füßen bis zu den Fingerspitzen Nuts. Über und unter ihr funkeln Sterne – ein visuelles Echo der dunklen, staubigen Rift-Zone in der Milchstraße. Diese Große Spalte zerlegt das helle Band der Galaxis in Abschnitte, besonders auffällig an dunklen, trockenen Himmeln. Graur fasst es knapp: „Die Wellenlinie könnte die Milchstraße darstellen“, sagt Or Graur.

Milchstraße über Wüstendünen nahe El Fayum in Ägypten, visuell betont die dunkle Rift-Zone.
Die Milchstraße mit klarer Rift-Zone über ägyptischen Dünen. Foto: Osama Fathi

Ähnliche Linien erscheinen in vier Gräbern im Tal der Könige, darunter in der monumentalen Anlage von Ramses VI. Dort trennen gewellte, goldene Bahnen die Szenen des Tag- und Nachtbuchs, genau entlang von Nuts Kopf, Rücken und Hüfte. Auch im Grab von Seti I markieren wellige, dunkle Trennlinien die astronomisch gestalteten Deckenfelder – ein starkes Indiz, dass diese Form nicht bloß dekoratives Füllmotiv ist.

Astronomische Decke in der Grabkammer von Seti I mit gewellten Trennlinien.
Deckenkomposition im Grab von Seti I mit welligen Trennlinien. Foto: Theban Mapping Project / Francis Dzikowski

Zwischen Symbol und Beobachtung

Graurs frühere Arbeit deutete bereits auf ein saisonales Mapping: Im Winter betone die Milchstraße Nuts ausgestreckte Arme, im Sommer folge sie ihrer Wirbelsäule. Die neue Bildanalyse verschiebt die Gewichte, indem sie die Wellenlinie als bewusste, astronomisch inspirierte Markierung plausibel macht. Zugleich bleibt Nut mehr als nur die Milchstraße: Sie ist der Himmel, der Sonne, Sterne und eben auch dieses dunkle Band in sich trägt. Die Bilder knüpfen an Textquellen wie Pyramiden- und Sargtexte an, ohne in einfache Gleichungen zu verfallen.

Bedeutung für die Geschichte des Wissens

Die Befunde zeigen, wie präzise Beobachtung, religiöse Vorstellung und künstlerische Konvention zu einem kohärenten, kosmologischen Programm verschmolzen. Sie belegen einen bewussten Umgang mit Helligkeit und Dunkelheit im Himmel, lange vor der modernen Astrophysik. Damit wächst die Relevanz der Ägyptologie für interdisziplinäre Archaeoastronomie, die globale Traditionen des Sternsehns und -deutens vergleicht. Zugleich warnt die Studie vor zu schlichten Lesarten: Symbolische Ebenen überlagern empirische Beobachtung.

Offene Fragen und nächste Schritte

Künftige Arbeiten werden weitere Särge, Decken und Sternkarten systematisch erfassen, um Häufigkeit, Region und Datierung der Wellenlinie zu präzisieren. Digitale Himmelsmodelle sollen zeigen, wann die Große Spalte am ägyptischen Horizont besonders auffällig war. Vergleiche mit anderen Kulturen könnten parallele Deutungen der Milchstraße offenbaren und Unterschiede schärfen. Graurs Projekt, die multikulturelle Mythologie der Milchstraße zu katalogisieren, verspricht ein dichteres, globales Bild des kosmischen Erbes.

Lennart Krüger

Lennart Krüger

Ich bin Lennart Krüger, Redakteur bei S-Bahn Hamburg. Ich schreibe über Stadtleben, Kultur und alles, was Hamburg bewegt – von neuen Projekten bis zu verborgenen Geschichten. Meine Leidenschaft: die Vielfalt dieser Stadt in Worte zu fassen.