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Vom Moskauer Gold zu Rekordreserven: Spaniens Gold damals und heute

2. Februar 2026

Die Banco de España schloss das Jahr 2025 mit Gold- und Devisenreserven im Wert von nahezu 94 Milliarden Euro ab, ein Allzeithoch, das von der astronomischen Nachfrage nach dem Edelmetall angetrieben wurde.

Zum Ende des Jahres 2025 beliefen sich die Gold- und Devisenreserven der Banco de España auf knapp 94 Milliarden Euro, der höchsten jemals verfügbaren Zahl.

Der Anstieg spiegelt vor allem die steigende Nachfrage nach Gold auf dem internationalen Markt wider — abgesehen von jüngsten Einbrüchen — als sicheren Hafen in ein von geopolitischer und finanzieller Unsicherheit geprägtes Jahr.

Aber in Spanien ist Gold nie nur eine Bilanzzahl. Es ist auch eine Frage des historischen Gedächtnisses. Und nur wenige Ausdrücke sind so beladen wie der Bezug auf das sogenannte „Moskau-Gold,“ eines der umstrittensten Kapitel der wirtschaftlichen und politischen Geschichte Spaniens im 20. Jahrhundert.

Gold zur Finanzierung der Revolution

Vor 1936 waren Spaniens Goldreserven international gesehen nicht außergewöhnlich, aber sie reichten aus, um das Land auf der globalen Finanzkarte zu platzieren.

Laut der Historikerin Magdalena Garrido Caballero, Professorin für Zeitgenössische Geschichte an der Universität Murcia, verschaffte dieses Gold Spanien einen Spielraum für gewisse internationale Manöver, wenn auch weit entfernt von dem der großen Wirtschaftsmächte.

Dieser Spielraum schmolze jedoch mit dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs dahin. Die diplomatische Isolation der Zweiten Republik, verstärkt durch das Nicht-Einmischungskomitee, ließ der republikanischen Regierung nur wenige Optionen, den Erwerb von Waffen und Versorgungsgütern zu finanzieren.

In diesem extremen Kontext beschloss die republikanische Regierung, den Großteil der Goldreserven der Banco de España ins Ausland zu transferieren, vor allem in die Sowjetunion. Das Ziel war eindeutig: Waffen, Versorgungsmaterial und militärische Unterstützung zu bezahlen, um den Kriegseinsatz aufrechtzuerhalten.

Der Transfer war real und gut dokumentiert. Im Oktober 1936 verließen etwa 510 Tonnen Gold das Algameca-Depot in Cartagena.

Es war keine improvisierte oder geheime Operation, sondern eine bewusste Entscheidung der legitimen Behörden der Republik in einem Kontext des Totalen Krieges.

Rückgabe des Goldes?

Die zeitgenössische Historiographie hat viele der in späteren Jahrzehnten konstruierten Mythen entlarvt. Garrido Caballero betont, dass das zentrale Missverständnis die Vorstellung sei, das Gold hätte — oder müsse — zurückgegeben werden können.

Untersuchungen von Historikern wie Ángel Luis Viñas und Pablo Martín Aceña zeigen, dass das Gold während des Krieges ausgegeben wurde, durch verifizierte und dokumentierte Zahlungen, wodurch die Republik fast drei Jahre lang dem militärischen Aufstand widerstehen konnte.

Aus dieser Perspektive stellte das „Moskau-Gold“ weder Diebstahl noch Plünderung durch die Sowjetunion dar, sondern eine Finanzierungstransaktion, die unter außergewöhnlichen Umständen durchgeführt wurde.

Ein Teil des Goldes wurde außerdem an Frankreich für denselben Zweck verkauft, obwohl diese Episode nie dasselbe symbolische Gewicht erlangte.

„Faschistische“ Propagandalinie

Nach dem Krieg machte das Franco-Regime das „Moskau-Gold“ zu einem mächtigen Propagandainstrument.

Laut Garrido Caballero nutzte das Regime die Episode, um die Härte der Nachkriegszeit zu rechtfertigen, das Bild eines ausbeuterischen sowjetischen Feindes zu verstärken und die Zweite Republik zu delegitimieren.

Die Angelegenheit tauchte Jahrzehnte lang wiederholt in diplomatischen Berichten, in nationaler und internationaler Presse sowie in offiziellen Reden auf.

International betrachtet gewann die Angelegenheit jedoch wenig Boden. Das Vereinigte Königreich sah es als eine bilaterale Frage zwischen Staaten an, während sowjetische Behörden durchgängig behaupteten, es gebe keine ausstehenden Reserven des von der Republik gesandten Goldes.

Wo befindet sich heute Spaniens Gold?

Fast neunzig Jahre später taucht die Frage erneut auf: Wo befindet sich Spaniens Gold?

Die Antwort ist deutlich weniger dramatisch als der hartnäckige Mythos. Spanien hält heute rund 281 Tonnen Gold, aufgeteilt zwischen der Banco de España und Einlagerungen in den Vereinigten Staaten, im Vereinigten Königreich und in der Schweiz, gemäß Daten des World Gold Council.

Dieses Gold ist nicht direkt mit den Beträgen verbunden, die an die UdSSR gesandt wurden, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Geldpolitik, europäischer Integration und Vermögensverwaltung im Eurosystem.

Vom historischen Trauma zum finanziellen Vermögenswert

Der Rekord von 2025 bedeutet nicht, dass Spanien seinen verlorenen Goldbestand zurückgewonnen hat.

Vielmehr spiegelt er den Anstieg des Metalls auf den internationalen Märkten wider. Heute stützt Gold eine nationale Währung nicht mehr vollständig oder wird nicht mehr zur Finanzierung von Kriegen verwendet. Stattdessen fungiert es als Vermögenswert für Stabilität, Hebelwirkung und Vertrauen in ein globalisiertes Finanzsystem.

Ein Vergleich zwischen 1936 und 2025 offenbart eine tiefgreifende Verschiebung. Während des Bürgerkriegs war Gold eine greifbare Ressource, von der das Überleben einer Regierung abhing. Das trifft heute nicht mehr zu.

Lennart Krüger

Lennart Krüger

Ich bin Lennart Krüger, Redakteur bei S-Bahn Hamburg. Ich schreibe über Stadtleben, Kultur und alles, was Hamburg bewegt – von neuen Projekten bis zu verborgenen Geschichten. Meine Leidenschaft: die Vielfalt dieser Stadt in Worte zu fassen.