„Frech sein und sich nur um sich selbst kümmern“ – so nennen Fans der Sängerin Charli XCX den Begriff „brat“. Der angesagteste Pop-Trend des letzten Sommers ist nun fürs große Kino verpackt worden in ‚The Moment‘ – eine Mockumentary, in der Charli die Hauptrolle als sie selbst spielt.
Bei der Berlinale ist normalerweise alles rot und golden – der Goldene Bär, der rote Teppich, das rote Logo. Doch mitten in diese vertrauten Festivalfarben hat sich in diesem Jahr ein auffällig toxisch grüner Farbton geschoben – es ist ‚brat‘.
‚brat‘ ist der Titel von dem vermutlich bekanntesten Album der britischen Sängerin Charli XCX. Aber der Begriff steht längst für mehr als nur Musik: für eine Haltung, ein Lebensgefühl, eine Ästhetik irgendwo zwischen Selbstermächtigung und kalkulierter Provokation.
Warum dieses toxisch grün-popkulturelle Phänomen plötzlich auf der Berlinale und darüber hinaus aufgetaucht ist? Die Antwort findet sich auf der großen Leinwand, wenn Charli XCX – bürgerlich Charlotte Emma Aitchison – ihr Filmdebüt ‚The Moment‘ präsentiert hat.
Die Mockumentary erkundet die Höhen und Tiefen des Erfolgs, den Druck ständiger Erwartungen und des Sich-inszenierens – und natürlich, was ‚brat‘ bedeutet.
Regisseur Aidan Zamiri zeigt eine bisher nie gezeigte, persönliche Seite der 33-Jährigen. Zwischen Pop-Mythos und Selbstbefragung ergibt sich ein Porträt einer Künstlerin, die ihren eigenen Hype seziert.
The Moment nimmt sich jedoch nicht vollständig ernst. Charli XCX spielt die Hauptrolle und schlüpft dabei in ihre eigene Rolle. Grenzlinien zwischen Dokumentation und inszeniertem Material werden absichtlich verwischt. Der ca. 100-minütige Film gewährt Einblicke hinter die Kulissen und wagt flüchtige Blicke in dunkle und tiefe Bereiche, doch der Gesamttone ist ein überspitzter satirischer Ton.
Dabei verarbeitet Charli XCX auch den weltweiten Auftrieb, den ihr Image ‚brat‘ ihrer Karriere gegeben hat. Sie veröffentlicht Musik seit 2008 und hatte 2014 mit ‚Fancy‘ ihren internationalen Durchbruch. Sie war sogar Teil des Soundtracks des weltweiten Kassenschlagers ‚Barbie‘, der eine ganze Saison die Popkultur dominiert hat, wenn man sich erinnert.
Doch im darauffolgenden Sommer stand sie selbst im Mittelpunkt des Gesprächs. Ihr Album ‚Brat‘ löste seinen eigenen ‚Brat-Sommer‘ aus – ein popkulturelles Schlagwort, das für manche zur Identitätsprägung wurde, sodass sie das Wort sogar auf ihren Körpern tatoierten.
Was bedeutet ‚brat‘?
Was bedeutet eigentlich ‚brat‘? Euronews fragte ihre Fans bei der Filmpremiere.
Für viele ist es eine Haltung. „Frech sein, Leuten gegen den Strich gehen, sich selbst mögen und zugleich niemandem gefallen wollen,“ sagte eine Frau.
Ein weiterer verband es vor allem mit Freiheit: „Frei zu sein, wild zu sein […] Ich assoziiere es auch sehr stark mit dem Sommer und mit dem Gefühl, dass man tun darf, was man möchte.“
Andere beschreiben ‚brat‘ erneut als bewusste Übertreibung – irgendwo zwischen Eskapismus und Ironie. Es geht darum, „den letzten Moment einer langsam versinkenden Menschheit zu genießen – extrem deprimierend und zugleich sehr ironisch,“ sagte ein weiterer Fan.
Irgendwo zwischen Trotz, Sommerfantasie und Endzeitstimmung wurde deutlich: ‚brat‘ ist weniger ein klar definierter Begriff als eine Projektionfläche.
Aufmerksamkeit als die härteste Währung
Im Film selbst schlägt ‚brat‘ auch weichere, dunklere Töne an. Zwischen Selbstinszenierung und ständiger Sichtbarkeit wächst das Gefühl, sich selbst zu verlieren. Der Hype, der zuvor aufbauend war, fühlt sich plötzlich wie ein Mechanismus an, der ein Eigenleben entwickelt hat.
Charli XCX selbst sprach über diesen Moment des Kontrollverlusts. Wenn Kunst einem breiteren Publikum zugänglich wird.
„In meinem Fall hatte ich das größte Publikum erreicht, das ich je erreicht hatte – die Meinungen dieses Publikums begannen, auf das Werk einzuwirken. Es verändert sich, seine Bedeutung verschiebt sich. Mit Erfolg kommt dieses Gefühl, die Kontrolle über etwas zu verlieren, über das ich so lange die Kontrolle hatte.“
‚The Moment‘ skizziert somit mehr als nur ein Porträt einer Künstlerin. Der Film zeichnet ein Bild einer Branche, in der Aufmerksamkeit zur härtesten Währung geworden ist – beschleunigt durch soziale Medien und eine von ständigem Übertreffen getriebene Wirtschaft. Künstler stehen unter Druck, nicht nur relevant zu bleiben, sondern sich immer weiter zu übertreffen.
Diese Dynamik lässt sich in einem pointierten Rat zusammenfassen, der im Film von Kylie Jenner zitiert wird – fiktiv formuliert, aber mit echtem Kern: „Sobald du glaubst, die Leute sind satt von dir, musst du noch stärker überdrehen.“
Eine Zeile, die wie eine nüchterne Branchenlogik klingt und zugleich andeutet, wie weit sich künstlerische Selbstinszenierung bereits in einem Zeitalter verschoben hat, in dem Aufmerksamkeit unablässig eingefordert wird.