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Deutschland übt Massenverlegungen verwundeter Soldaten für ein NATO-Kriegsszenario

11. März 2026

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Als logistisches Drehkreuz der NATO in Europa spielt Deutschland bereits eine Schlüsselrolle bei der Verlegung von Truppen und Nachschub im Falle einer von der Allianz erklärten Notlage.

Ein Airbus A400M der Luftwaffe steht auf der Rollbahn des Flughafens Berlin-Brandenburg. Das Flugzeug stammt aus einem Einsatzszenario in Litauen, wo die 45. Panzerbrigade der Bundeswehr stationiert ist, um die Verteidigung des NATO-Ostens gegen einen möglichen russischen Angriff zu unterstützen.

Durch die offene Heckrampe tragen Medic-Teams einen verwundeten Soldaten auf einer Trage zu Notfallteams von St John Ambulance und dem maltesischen Hilfsdienst. Von dort wird er registriert und zur Behandlung in Deutschland in ein Krankenhaus gebracht.

Für den Moment ist es nur eine Übung.

Im Rahmen der Quadriga-Übungen der Bundeswehr im Jahr 2026 wird die sogenannte Rettungskette für Verwundete während der Medic-Quadriga-Übung gemeinsam mit zivilen Rettungsdiensten durchlaufen, wobei der gesamte Weg vom Einsatzgebiet in Litauen bis zur Behandlung in Deutschland abgedeckt wird.

Die Bundeswehr beschreibt es als die „komplexeste“ und „größte“ medizinische Übung, die seit dem Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine im Jahr 2022 durchgeführt wurde.


Injured soldiers are to arrive in Berlin by aeroplane to be redistributed and receive further treatment.


‚Joint strategic stress test‘

Die Übung zielt darauf ab, die Einsatzbereitschaft und die Reaktionsfähigkeit der Bundeswehr zu erhöhen und die Zusammenarbeit mit zivilen Partnern im Gesundheitswesen zu stärken, darunter St John Ambulance und die Hilfsorganisation Malteser International.

Zum ersten Mal wurde die gesamte militärische medizinische Evakuierungskette getestet, von der Behandlung der Verwundeten im operativen Theater in Litauen bis zur Versorgung in deutschen Krankenhäusern. Eine militärische Rettungskette ist ein koordiniertes System, das sicherstellen soll, dass Verletzte rasch und kontinuierlich behandelt werden, vom Ort der Verletzung bis zur Krankenhausbetreuung.

Rund 1.250 Personen nahmen an der Übung teil, darunter etwa 1.000 Militärangehörige und 250 Mitarbeitende aus zivilen Organisationen.

Zu den Teilnehmern gehörten das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), der Deutsche Rote Kreuz, Johanniter, der Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), ADAC Luftrettung und der Berliner Senat. Der MedEvac-Airbus, eine effektive fliegende Intensivstation, betrieben von der Bundeswehr, war ursprünglich dafür vorgesehen, die Übung-Verwundeten aus Litauen nach Berlin zu transportieren.

An Airbus A310 medevac aircraft will be prepared in Cologne on 28 March 2020 for the transport of six COVID-19 patients from northern Italy to Germany

An Airbus A310 Medevac aircraft is being prepared in Cologne on 28 March 2020 for the transport of six COVID-19 patients from northern Italy to Germany


Jedoch wurde aufgrund der aktuellen Sicherheitslage im Nahen Osten der Flug kurzfristig abgesagt. Das Flugzeug befindet sich derzeit in der „operational standby“.

Trotz der Absage des Flugs wurden am vergangenen Freitag mehrere Übungs-Verwundete in ein Zentrum in der Nähe des Flughafens Berlin-Brandenburg gebracht, wo sie registriert, medizinisch beurteilt und entsprechend dem Schweregrad ihrer Verletzungen behandelt wurden.

Wie Generalstabsarzt Dr. Ralf Hoffmann erklärte, würden in einem echten Notfall Evakuierungen nicht nur von Flugzeugen abhängen, sondern auch von Zügen.

„Unser Ziel ist es, bis spätestens 2028 Züge bereitzustellen, die zum Transport der Verwundeten genutzt werden können“, sagte er.

Er verwies auf den Krieg in der Ukraine als Beispiel, wo rund 90% der Patiententransporte per Bahn erfolgen, was zeigt, dass Züge zu den wichtigsten Verkehrsmitteln in Krisenregionen gehören.

A practice casualty is treated, 6 March 2026

A practice casualty is treated, 6 March 2026


Während der Medic-Quadriga-Übung diente der Flughafen jedoch als zentrales Drehkreuz der Rettungskette. Der Prozess beginnt dort mit Checks, um festzustellen, ob chemische oder biologische Agenzien beteiligt waren. Falls erforderlich, müssen die Verwundeten vor der ersten medizinischen Beurteilung dekontaminiert werden.

Es folgt eine erste Untersuchung und medizinische Triage, danach werden die Patienten an Notfallteams übergeben. Diese koordinieren anschließend den Weitertransport in nahegelegene zivile oder militärische Krankenhäuser. Die Verwundeten werden schließlich mit Krankenwagen oder Hubschraubern in Krankenhäuser in Berlin und Brandenburg transportiert.

‚You can only rely on what you’ve practised‘

Hoffmann ergänzte, dass „es wichtig ist, dass wir in einem Notfall mit einer großen Zahl Verwundeter umgehen und sie versorgen können“.

Im Falle eines Konflikts am östlichen Flügel der NATO könnten täglich bis zu 1.000 Verwundete aus den baltischen Staaten nach Deutschland transportiert werden müssen.

„Unsere Berechnungen zeigen, dass wir im System rund 15.000 Akutbetten benötigen würden, wobei auch der Krankenhausaufenthalt berücksichtigt wird. Meiner Ansicht nach ist das machbar, wenn wir rechtzeitig dafür sorgen“, sagte er.

Pistorius on Friday, 6 March 2026, at the Medic Quadriga exercise near Berlin

Pistorius on Friday, 6 March 2026, at the Medic Quadriga exercise near Berlin


Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius, der die Übung am vergangenen Freitag besuchte, erklärte, dass die Anstrengung einem einfachen Credo folge: „Man kann sich nur auf das verlassen, was man geübt hat. Und nur das, was man in Friedenszeiten trainiert und einübt, kann man in Zeiten der Anspannung und Verteidigung meistern.“

Nach Angaben des Verteidigungsministers dient die Übung als „gemeinsamer strategischer Belastungstest“ und hebt Deutschlands Rolle als logistisches Drehkreuz im Fall einer Krise wegen seiner zentralen Lage hervor.

NATO’s logistics hub

Im Kriegsfall wird erwartet, dass Deutschland zum zentralen Logistikzentrum der NATO wird. Dies ist im sogenannten Operationsplan Deutschland (OPLAN DEU) festgelegt. Dem Plan zufolge könnten bis zu 800.000 Truppen durch deutsches Territorium zum östlichen Flügel der NATO in einem Notfall verlegt werden.

Laut dem Wall Street Journal besteht OPLAN DEU aus einem klassifizierten Dokument von etwa 1.200 Seiten. Es wurde vor etwa zweieinhalb Jahren in den Julius-Leber-Kasernen in Berlin entworfen und wird nun „mit Hochdruck umgesetzt“.

Ziel des Plans ist es sicherzustellen, dass politische Entscheidungen in einer Krise oder einem Konflikt schnell getroffen werden können, gemäß verfassungsmäßigen Verfahren und in enger Koordination, um eine rasche Reaktion zu ermöglichen. Allerdings berichtet das Wall Street Journal, dass die Umsetzung vor großen Hürden stehen könnte, darunter veraltete Infrastrukturen wie baufällige Brücken, Häfen, die vor Strukturversagen stehen, Lücken in militärischen Fähigkeiten und unzureichende Koordination mit zivilen Behörden.

Rescue chain in action

Die von den USA und Israel gegen den Iran geführte Militäroperation läuft nun schon seit mehr als einer Woche, und neben US-Stützpunkten im Nahen Osten spielt auch Deutschland eine Rolle: Ramstein Air Base ist eines der wichtigsten Zentren des US-Militärs in Europa, auch für die medizinische Evakuation Verwundeter.

Es zeigt, wie eine militärische Rettungskette in einem echten Notfall funktionieren würde. Ähnlich wie bei einem potenziellen Krisenfall am östlichen Flügel der NATO beginnt der Prozess im Operationsgebiet, wo Sanitäter und Feldlazarette die erste Behandlung durchführen.

US soldiers from the 437th Airlift Wing inspect a C-17 Globemaster III prior to handover by Boeing at the factory in Long Beach, California, on 12 September 2013

US soldiers from the 437th Airlift Wing inspect a C-17 Globemaster III prior to delivery by Boeing at the factory in Long Beach, California, on 12 September 2013


Seriös verletzte Soldaten werden anschließend auf strategischen Transportflugzeugen – oft Boeing C-17 Globemaster III – im Rahmen des sogenannten „Aeromedical Evacuation System“ ausgeflogen.

Viele dieser Flüge landen zunächst auf der Ramstein Air Base. Von dort werden die Patienten in das nahe gelegene Landstuhl Regional Medical Center überführt, das größte US-Militärkrankenhaus außerhalb der Vereinigten Staaten.

Lennart Krüger

Lennart Krüger

Ich bin Lennart Krüger, Redakteur bei S-Bahn Hamburg. Ich schreibe über Stadtleben, Kultur und alles, was Hamburg bewegt – von neuen Projekten bis zu verborgenen Geschichten. Meine Leidenschaft: die Vielfalt dieser Stadt in Worte zu fassen.