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Weltweit größte Windturbine wird in Deutschlands ehemaliger Kohlebergbau-Region gebaut

4. April 2026

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Winde sind in höheren Höhen stärker, wodurch doppelt so viel Energie erzeugt werden kann.

In einer Region Deutschlands, die einst von Kohlebergbau geprägt war, vollzieht sich eine bemerkenswerte Wende hin zu sauberer Energie.

Ein riesiger Kran steht bereit, Stahlträger werden montiert und ein Rastermast erhebt sich allmählich in den Himmel. Wenn alles wie geplant läuft, wird hier in Schipkau, einer kleinen Gemeinde in Brandenburg, die weltweit höchste Windturbine errichtet.

In einer Zeit, in der der Krieg im Iran die Energiepreise für Europäer in die Höhe treibt, könnte das Projekt nicht dringend genug sein. „Dies wird uns helfen, unabhängig von Öl und Gas aus anderen Regionen der Welt zu werden“, sagt Deutschlands Bundesumweltminister Carsten Schneider.


Ein teleskopisches Gerät hebt die Windturbine auf ihre volle Höhe

Nach Fertigstellung wird die Turbine 360 m hoch sein, das entspricht einem Gebäude mit rund 100 Stockwerken. Es wird die zweithöchste Struktur in Deutschland sein, nach dem Berliner Fernseh­turm, der 368 m misst.

Was ist der Vorteil einer solchen Gigantenstruktur? Der Wind weht in über 300 m Höhe stärker und gleichmäßiger, wodurch mehr Windenergie erzeugt werden kann.

Vielleicht fragen Sie sich, wie eine so schmale und freistehende Struktur wie eine Windturbine überhaupt so hoch gebaut werden kann. Konventionelle Krane leisten diesen Dienst schließlich nicht. Stattdessen kommt ein patentiertes teleskopisches Gerät zum Einsatz.

Die Turbine wird zunächst eine Höhe von 150 Metern erreichen, danach hebt das teleskopische Gerät sie auf 300 Meter.

Das bahnbrechende Projekt war nicht frei von Herausforderungen. Ende 2025 wurden Probleme mit Stahlteilen festgestellt, wodurch Arbeiten gestoppt werden mussten. Die Bauarbeiten laufen glücklicherweise nun wieder auf der geplanten Spur. „Sicherheit und Qualität haben in diesem weltweit einzigartigen Projekt absolute Priorität“, sagt Jochen Großmann, Geschäftsführer und Gründer des Bauunternehmens GICON.

Wenn alles nach Plan verläuft, sollte der Windenergieriese gegen Ende 2026 ans Netz gehen.

Wie viel Energie wird die Windturbine erzeugen?

GICON hofft auf eine jährliche Stromausbeute von 30–33 Gigawattstunden und Stromerzeugungskosten von weniger als fünf Cent pro Kilowattstunde. Das entspricht 220 Prozent mehr als bei herkömmlichen Turbinen in der Umgebung und könnte etwa 7.500 Vier-Personen-Haushalte mit Strom versorgen.

Windturbinen in großer Höhe könnten auch in weniger windigen europäischen Ländern die Lösung sein

Je höher eine Windturbine steht, desto stärker und gleichmäßiger weht in der Regel der Wind. GICON, der erklärt, seit 2010 an der Technologie zu arbeiten, wollte diese Annahme wissenschaftlich validieren.

Im Auftrag der beventum GmbH, einer Tochtergesellschaft der Bundesbehörde für Sprunginnovationen (SPRIND), errichtete das Unternehmen in dem benachbarten Klettwitz eine Windmessmast. Dieser zeigte, dass der Wind in 300 Metern Höhe tatsächlich gleichmäßiger und stärker weht als in der Höhe herkömmlicher Windturbinen.

Große Teile Europas — von Ostpolen bis zur Iberischen Halbinsel — haben Schwierigkeiten, von Windkraft zu profitieren, weil Bodenwinde zu schwach sind. Windtürme in großer Höhe könnten die Antwort sein. SPRIND betont: „Europa braucht eine starke Position im Bau von Windturbinen, um die eigene Energieerzeugung zu sichern.“

Wo steht die weltweit höchste Windturbine?

Schipkau liegt in der Lausitz, einer Region, die jahrzehntelang von Kohle geprägt war, bevor sie bemerkenswerte Veränderungen erlebte. Die Behörden der Region fördern heute Clean-Energy-Projekte, indem sie Raum, Infrastruktur und politische Unterstützung bereitstellen.

Langfristig soll der Standort zu einem Hybridkraftwerk entwickelt werden, das zwei Ebenen von Windenergie und einen Solarpark auf dem Gelände umfasst.

Diese Dreifachanwendung sollte die Energieausbeute gegenüber reinem Solarbetrieb um das Fünffache steigern. Die Kombination verschiedener Energiequellen soll zudem eine ganzjährige Stromerzeugung ermöglichen.


The world’s largest wind turbine is set to generate electricity for the first time late this year.


Clean energy is wasted all over Europe due to outdated grids

Dieses ehrgeizige Projekt unterstreicht ein Problem, das europaweit immer offensichtlicher wird: Veraltete Netze können mit dem boomenden Ausbau erneuerbarer Energieinfrastrukturen nicht Schritt halten.

In Deutschland ergibt sich dabei eine teure Ironie: Wenn mehr Strom in das Netz im windigen Nordosten Deutschlands eingespeist wird, als die Leitungen in den Hochverbraucher-Süden transportieren können, müssen Windturbinen gedrosselt oder abgeschaltet werden. Dadurch müssen fossiles Gas und andere schmutzige Brennstoffe die Lücke füllen, was zu höheren Preisen für Verbraucher sowie zu mehr CO₂-Emissionen führt.

Laut einer Analyse der deutschen Mediengruppe Tagesspiegel gingen im Jahr 2023 allein rund 9,3 Terawattstunden Windenergie verloren. Die Kosten für Netzbeschränkungsmanagement beliefen sich auf fast 3 Milliarden Euro, und diese Kosten tragen die Verbraucher über die Netzentgelte, die ihren Stromrechnungen hinzugerechnet werden.

GICON und sein Auftraggeber SPRIND argumentieren, dass Windtürme in großer Höhe dieses Dilemma langfristig mildern könnten: Weil Winde in großen Höhen gleichmäßiger wehen und Turbinen auch dort wirtschaftlich betrieben werden könnten, wo Bodenwinde zu schwach sind, könnte der Ausbau dezentraler erfolgen.

The high-altitude wind turbine in Schipkau will take advantage of strong high-altitude winds for energy generation.

The high-altitude wind turbine in Schipkau will take advantage of strong high-altitude winds for energy generation.


Europa bevorzugt Windenergie

Ende 2025 waren laut dem Deutschen Windenergieverband etwa 304 Gigawatt Windenergie an Land und auf See in Europa installiert.

Mit rund 77,7 Gigawatt installierter Kapazität lag Deutschland vor dem Vereinigten Königreich mit 31,6 Gigawatt und Spanien mit 31,2 Gigawatt.

Mit 5.735 Megawatt neu installierter Kapazität verzeichnete Deutschland 2025 mehr als jedes andere europäische Land.

Deutschland setzt auf mehr erneuerbare Energien

Ende März präsentierte der deutsche Bundesumweltminister Carsten Schneider im Bundestag das Klimaschutzprogramm 2026: 67 Maßnahmen mit dem Ziel, bis 2030 zusätzlich 25 Millionen Tonnen CO₂ einzusparen.

Sind in kommenden Ausschreibungen sollen 2.000 weitere Windturbinen vergeben werden als bislang geplant. Zudem sollen 12 Gigawatt Windenergiekapazität ausgeschrieben werden, um bis 2030 ans Netz angeschlossen zu werden.

Lennart Krüger

Lennart Krüger

Ich bin Lennart Krüger, Redakteur bei S-Bahn Hamburg. Ich schreibe über Stadtleben, Kultur und alles, was Hamburg bewegt – von neuen Projekten bis zu verborgenen Geschichten. Meine Leidenschaft: die Vielfalt dieser Stadt in Worte zu fassen.