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Tempo und Abschreckung: Deutschlands Verteidigungsminister enthüllt erstmals eine Militärstrategie

25. April 2026

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Deutschland formt seine Streitkräfte neu. Die Bundeswehr soll schneller, leistungsfähiger und technologisch fortschrittlicher werden, mit der Fähigkeit, Ziele präzise in größerer Reichweite zu treffen.

Verteidigungsminister Boris Pistorius hat am Mittwoch erstmals eine Militärstrategie für die Bundeswehr und Deutschland insgesamt vorgestellt.

„Unser Ziel ist klar: Wir werden die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr weiterhin stärken – und das zügig tun“, sagte er.

Pistorius sagte, die Strategie sei vor allem durch die groß angelegte russische Invasion der Ukraine und die Entwicklungen auf dem Schlachtfeld und in der Verteidigungsindustrie vorangetrieben worden, die zeigen, dass sich Streitkräfte ständig anpassen müssen, selbst an Herausforderungen „die noch nicht absehbar sein mögen.“

Pistorius warnte, dass sich das Bedrohungsumfeld in den letzten Jahren deutlich verschlechtert habe, wobei die internationale Ordnung mehr denn je in Frage gestellt werde.

„Mit anderen Worten, die Welt ist unberechenbarer geworden und ja, auch gefährlicher“, sagte er.

Vor diesem Hintergrund hat die deutsche Regierung untersucht, wie sich Bedrohungen entwickeln könnten, welche Szenarien plausibel sind und welche potenziellen Konflikte Deutschland vorbereiten muss.


Germany’s Defence Minister Boris Pistorius speaks to the media during a press conference at Parliament House in Canberra, 26 March, 2026


In einem Beitrag auf LinkedIn nannte der Sicherheitsexperte Dr. Christian Mölling die Strategie einen „wichtigen ersten Schritt“, der „nicht dahingehend missverstanden werden sollte, dass sich alles über Nacht ändert.“

„Historisch gesehen war die militärische Planung Deutschlands stark durch die NATO-Anforderungen geprägt. Das wird sich grundsätzlich nicht ändern – und sollte es auch nicht“, fuhr er fort und fügte hinzu, dass „neu ist jedoch, dass Deutschland nun formell nationale militärische Ziele, Prioritäten und Spielräume formuliert, die es dann in die NATO und nach Europa einbringen kann.“

Grundlegende Neuausrichtung

Eine grundlegende Neuausrichtung steht im Kern der neuen Strategie. Künftig wird sich die deutsche Armee weniger auf feststehende Truppenstärken konzentrieren und mehr auf spezifische Fähigkeiten.

„Es geht nicht um die genaue Zahl von Panzern, Flugzeugen oder Schiffen in den nächsten 10, 15 oder gar 20 Jahren“, sagte Pistorius und argumentierte, dass entscheidend sei, was die Streitkräfte tatsächlich leisten können.

Dieser Ansatz wurde vom Generalinspekteur der Streitkräfte Carsten Breuer bestätigt. „Wir schauen uns jetzt die Auswirkungen an, die wir erreichen können“, sagte er.

In der Praxis bedeutet das, dass Fähigkeiten nicht mehr an ein einzelnes System gebunden werden müssen – das Ergebnis zählt. Zu den Prioritätsbereichen gehören Luftverteidigung, Langstrecken-Angriffs- bzw. Abschussfähigkeiten und die Fähigkeit, moderne, datengesteuerte Kriegsführung zu führen. Neue Technologien wie künstliche Intelligenz sollen zudem eine viel größere Rolle spielen.

German soldiers of the 122 Armoured Infantry Battalion at the Grafenwöhr military training area, 4 December, 2025

German soldiers of the 122 Armoured Infantry Battalion at the Grafenwöhr military training area, 4 December, 2025


Schwerpunkt auf „tiefen Schlägen“

Ein weiterer zentraler Pfeiler der Strategie ist die sogenannte „Deep Strike“, die Fähigkeit, Ziele weit hinter der Front zu treffen. Pistorius und Generalinspekteur Carsten Breuer stellten klar, dass solche Fähigkeiten zunehmend wichtig werden. Dazu gehören langreichweitige Präzisionswaffen, die darauf ausgelegt sind, feindliche Versorgungswege, Befehlszentralen und kritische Infrastruktur frühzeitig zu zerstören.

Vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine gilt dieser Ansatz als entscheidend, um feindliche Strukturen frühzeitig zu schwächen und den Druck auf die eigenen Streitkräfte zu verringern. Derzeit verfügt die Bundeswehr in diesem Bereich über nur begrenzte Fähigkeiten. Das Hauptsystem ist die Taurus-Kreuzflugrakete, eine deutsch-schwedische Waffe mit einer Reichweite von mehr als 500 km, was sie am unteren Ende des Deep-Strike-Spektrums positioniert.

Zukünftig will Deutschland jedoch seine Fähigkeit, solche Ziele mit Präzision – und über größere Entfernungen – deutlich ausbauen. Ein Beispiel ist die geplante Beschaffung der JASSM-ER-Kreuzflugrakete für den neuen F-35-Kampfflugzeug. Mit einer Reichweite von rund 1.000 km würde sie die Reichweite der Bundeswehr weit über die aktuellen Systeme hinaus verlängern. Sowohl das Flugzeug als auch die Rakete werden vom US-Verteidigungsriesen Lockheed Martin hergestellt.

Soldiers from Homeland Security Regiment 3 stand next to a Patriot anti-aircraft missile system at the Münster military training area, 18 April, 2024

Soldiers from Homeland Security Regiment 3 stand next to a Patriot anti-aircraft missile system at the Münster military training area, 18 April, 2024


Teile der Strategie bleiben geheim

Teile der Strategie werden laut Pistorius absichtlich unter Verschluss gehalten. Konkrete Szenarien und potenzielle Einsatzpläne werden nicht öffentlich gemacht, da dies dem Gegner zu viel Einblick geben würde. „Sonst könnten wir Vladimir Putin gleich in unseren E-Mail-Verteiler aufnehmen“, sagte er.

Zusammen mit der strategischen Neuordnung plant die Bundesregierung eine signifikante Ausweitung der Bundeswehr. Ziel ist eine Gesamtstärke von 460.000 Personal, die aktive Truppe und Reserven umfasst. Deutschland hat derzeit rund 184.300 aktive Soldaten und etwa 860.000 Reservisten. Die Erhöhung soll in mehreren Phasen erfolgen. Das unmittelbare Ziel ist es, die Einsatzbereitschaft bis 2029 rasch zu erhöhen. In den Jahren danach sollen neue Fähigkeiten entwickelt werden – auch im Hinblick auf neue Waffensysteme.

Das Verteidigungsministerium sagt, es verfolge einen pragmatischen Rekrutierungsansatz. Um genügend Personal sicherzustellen, werden mehr Bewerber akzeptiert, als Stellen verfügbar sind. „Wir gehen von einer Überbuchung aus“, sagte Pistorius.

Reservisten rücken in den Fokus

Die Erweiterung des Personals ist zentral für die gesamte Strategie. Ohne ausreichende Soldaten können neue Fähigkeiten nicht entwickelt oder langfristig aufrechterhalten werden. Reservisten sollen eine deutlich größere Rolle spielen und nicht länger als Reserve, sondern als integraler Bestandteil der Streitkräfte gesehen werden. „Wir sehen die neue Reserve ausdrücklich auf Augenhöhe mit den aktiven Truppen“, sagte Pistorius.

Ihre Rolle wird insbesondere im Inland von großer Bedeutung sein. In einer Krise wird Deutschland voraussichtlich als logistisches Zentrum für Europa fungieren, wobei Truppenbewegungen, Versorgungswege und kritische Infrastruktur geschützt werden müssen – Aufgaben, die größtenteils von Reservisten übernommen würden.

„Wir brauchen die Reserve, um sicherzustellen, dass Deutschland in einer Krisen- oder Verteidigungssituation als logistischer Knotenpunkt funktionieren kann. In diesem Sinne ist unsere Reserve das Scharnier zwischen Militär und Zivilgesellschaft“, sagte Pistorius.

Soldiers drive a vehicle as they work to extract and secure an enemy in a mock village during NATO led military exercises at a military base near Bergen, 19 February, 2026

Soldiers drive a vehicle as they work to extract and secure an enemy in a mock village during NATO led military exercises at a military base near Bergen, 19 February, 2026


Gleichzeitig soll die Bundeswehr organisatorisch wendiger werden. Das Verteidigungsministerium will Bürokratie abbauen und Prozesse im Rahmen einer umfassenderen Reform vorantreiben. Geplant sind digitale Arbeitsabläufe, um papierbasierte Systeme zu ersetzen, weniger Meldepflichten und eine verstärkte Nutzung von Technologien wie künstlicher Intelligenz.

„Meldeverpflichtungen werden nur dort bestehen bleiben, wo sie echten Mehrwert liefern“, fügte Pistorius hinzu. Die Strategie selbst soll nicht als festgelegt gelten.

„Diese Strategien sind lebendige Dokumente“, sagte der Verteidigungsminister, und sie werden regelmäßig aktualisiert, sobald Bedrohungen und Technologien sich entwickeln.

Lennart Krüger

Lennart Krüger

Ich bin Lennart Krüger, Redakteur bei S-Bahn Hamburg. Ich schreibe über Stadtleben, Kultur und alles, was Hamburg bewegt – von neuen Projekten bis zu verborgenen Geschichten. Meine Leidenschaft: die Vielfalt dieser Stadt in Worte zu fassen.