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Jüdische Razzia in Paris: Fehlende Fotos geben NS-Opfern endlich ein Gesicht

25. Mai 2026

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85 Jahre nach der ersten großen Razzia gegen Juden im besetzten Paris zeigt eine Ausstellung in der Französischen Botschaft in Berlin 98 Fotografien, die jahrzehntelang verloren gegangen waren. Die Entdeckung ist besonders bedeutsam für die 91-jährige Holocaust-Überlebende Liliane Ryszfeld.

Es war ein unscheinbares, grünes Blatt Papier. Jeder, der den Zettel im Paris im Mai 1941 erhielt, sollte am 14. Mai in ein Gymnasium erscheinen, angeblich, um seine Aufenthaltsgenehmigung zu klären.

Was folgte, war keine offizielle Formalität. Es war die erste große Razzia gegen Juden im von Deutschland besetzten Frankreich: die sogenannte Rafle du „billet vert“ – die Razzia des grünen Zettels.

Auf Befehl der SS und der Gestapo verhaftete die französische Polizei an jenem Tag rund 3.800 jüdische Männer, die meisten von ihnen aus Polen und der Tschechischen Republik. Sie wurden in die Lager Pithiviers und Beaune-la-Rolande gebracht.

Etwa 700 konnten fliehen. Der Rest, ca. 3.100 Männer, wurde im Juli 1942 nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet.

Die kollaborierende Vichy-Regierung hatte die Verhaftung und Internierung ausländischer Juden kurz nach der deutschen Invasion im Juni 1940 bereits rechtlich autorisiert.

Zum 85. Jahrestag dieser Razzia sind die Gesichter der Verhafteten sowie die der Täter und Helfer nun erstmals in einer Ausstellung in der Französischen Botschaft in Berlin zu sehen, die am 11. Mai 2026 eröffnet wurde.


On the orders of the SS and Gestapo, the French police arrested around 3,800 Jewish men in Paris and deported them.


Die verlorenen 98 Fotos

Die Bilder zeigen Männer in Anzügen, mit Hüten, einige mit Reisekoffern, andere ohne. Einige sehen direkt in die Kamera. Andere blicken abgewandt. Die Fotos zeigen keine anonyme Gruppe, sondern einzelne Personen.

Der Mann hinter der Kamera war Harry Croner, ein Berliner Fotograf, der 1940 zum Wehrdienst eingezogen worden war und durch seinen Vater jüdischer Herkunft war. Der Leiter der Abteilung „Juden“ der Gestapo in Paris, SS-Hauptsturmführer Theodor Dannecker, hatte ihn beauftragt, die Razzia zu dokumentieren.

Es wurden 98 Fotografien aufgenommen. Die Bilder verschwanden danach mehr als 80 Jahre lang.

Sie wurden im Jahr 2020 wiederentdeckt und vom Mémorial de la Shoah in Paris erworben, erforscht und analysiert.

Die Fotobibliothekarin des Mémorial de la Shoah, Lior Lalieu, analysierte die Sammlung und verfasste Bildunterschriften, die die historische und persönliche Dimension der Razzia in Kontext setzen. Ihr Buch La Rafle du „billet vert“, das sie zusammen mit Jean-Marc Dreyfus verfasste, erschien im April 2026.

Am 10. Mai 2026 zeigte das Mémorial alle 98 Bilder der Öffentlichkeit erstmals in Paris, und einen Tag später wurden sie in Berlin ausgestellt.

Croner wurde nach 18 Monaten aufgrund seiner jüdischen Herkunft als kriegsuntauglich eingestuft. 1944 war er an der französischen Kanalküste in einem Arbeitslager interniert, und 1945 geriet er durch die Amerikaner in Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Freilassung kehrte er nach Berlin zurück und arbeitete als Presse- und Theaterfotograf. Er starb 1992 in Berlin.

For 91-year-old Shoah survivor Liliane Ryszfeld, the exhibition is an important contribution to the work of remembrance.

The exhibition is an important contribution to remembrance work for 91-year-old Shoah survivor Liliane Ryszfeld.


„Diese Razzia war der Auslöser für all meine Albträume“

Liliane Ryszfeld ist 91 Jahre alt und reiste aus Paris zur Eröffnung der Ausstellung nach Berlin. Sie war sechs Jahre alt, als die Razzia stattfand.

Sie begleitete ihre Mutter zur Polizeiwache in Vincennes, wo ihr Vater Mosjez Stoczyk vorgeladen worden war. Er stammte aus Warschau, liebte Frankreich und hatte sich 1939 freiwillig für die Armee gemeldet. Nach der Vorladung kehrte er nie nach Hause zurück. Er wurde in Pithiviers interniert, im Juni 1942 nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet.

„Die Razzia des grünen Zettels hat mein Leben für immer verändert. Mein Vater wurde vorgeladen und kehrte nie nach Hause zurück“, sagt Ryszfeld. „Die wiedergefundenen Fotos sind für mich ein erderschütterndes Ereignis. Diese Razzia war der Auslöser all meiner Albträume.“

Bei der Ausstellung sprach sie auch über eine Erinnerung, die erst vor einigen Jahren wieder zurückkehrte…

„Ich trug ein blaues Outfit, mit Schürzen und Verzierungen auf einem Kleid, und diese Erinnerung kam mir 80 oder 85 Jahre später zurück.“ Es war das Outfit, das sie als kleines Mädchen trug, das letzte Mal, dass sie mit ihrem Vater zur Polizeiwache ging.

Am Abend vor der Eröffnung hatte Ryszfeld mit Berliner Schulkindern gesprochen.

„Mit jungen Menschen in Deutschland zu sein, gibt mir Hoffnung auf eine friedliche Zukunft für kommende Generationen. Denn ich habe so viel gelitten.“

Bezüglich der Ausstellung sagt sie: „Alle Fotos haben eine Bedeutung, und vor allem sind sie unsere Erinnerung. Unsere Erinnerung und vielleicht auch unsere Zukunft.“

Eine Mahnung und eine Verpflichtung

Die Ausstellung bezieht sich auch auf die Gegenwart.

Rüdiger Mahlo, Vertreter der Claims Conference in Europa, sagte bei der Eröffnung: „Es ist wichtig, die Ausstellung zu zeigen, denn heute sehen wir den Beginn der Marginalisierung von Juden aus der Gesellschaft.“ Er verwies darauf, dass jüdische Schulkinder aus normalen Schulen aussteigen und jüdische Studierende Universitäten meiden. „Und das ist alles ein Anfang, der uns sehr beunruhigt.“

Für Mahlo gehört das Gedenken zum heutigen gesellschaftlichen Leben: „Was wir hier heute sehen, sind Anfänge, die auch damals existierten.“

Der französische Botschafter in Deutschland, François Delattre, betont ebenfalls die Bedeutung von Archiven und Forschungen: „Während historische Verfälschungen in Europa und darüber hinaus auf dem Vormarsch sind, ist es heute wichtiger denn je zu betonen, dass unser kollektives Gedächtnis auf Archiven, Zeugenaussagen und unabhängiger historischer Forschung basieren muss.“

Rüdiger Mahlo has been the Claims Conference's representative in Europe since 2014.

Rüdiger Mahlo has been the Claims Conference’s representative in Europe since 2014.


Die Claims Conference: 75 Jahre im Dienst der Überlebenden

Die Ausstellung wird von der Conference on Jewish Material Claims Against Germany, kurz Claims Conference, organisiert. Sie wurde 1951 von Vertretern von 23 internationalen jüdischen Organisationen gegründet und setzt sich für Entschädigungen für Holocaust-Überlebende ein. Sie verteilt außerdem Mittel an Einzelpersonen und Organisationen und unterstützt die Restitution von jüdischem Eigentum, das während des Holocaust beschlagnahmt wurde.

Seit Beginn der Verhandlungen mit der deutschen Regierung im Jahr 1952 wurden mehr als 90 Milliarden US-Dollar an Entschädigungen ausgezahlt. Allein im Jahr 2024 zahlte die Claims Conference mehr als 535 Millionen USD an über 200.000 Überlebende in 83 Ländern. Zusätzlich stellte sie weltweit mehr als 888 Millionen USD an über 300 soziale Hilfsorganisationen bereit. Diese Organisationen unterstützen Überlebende mit häuslicher Pflege, Nahrung und Medikamenten.

Die Claims Conference versteht sich auch als Wächterin des Gedächtnisses.

Mahlo sagt: „Wir werden es nicht ersetzen können, aber wir müssen versuchen, Wege zu finden, das, was wir über die Shoah wissen, an die nächsten Generationen weiterzugeben, damit sich so etwas nicht wiederholt.“

The pictures commissioned by the propaganda company of the German Wehrmacht document the first arrests of foreign Jews.

The pictures commissioned by the propaganda company of the German Wehrmacht document the first arrests of foreign Jews.


Ein europäisches Erinnerungsprojekt

Die Ausstellung „Faces of Remembrance: The Pictures of the Green Paper Roundup“ ist ein europäisches Kooperationsprojekt. Die Claims Conference, die Französische Botschaft in Deutschland, das Mémorial de la Shoah in Paris und die Französische Kommission für die Restitution von Kulturgut und die Entschädigung von Opfern antisemitischer Spoliation, CIVS, sind beteiligt.

Jacques Fredj, Direktor des Mémorial de la Shoah, greift die Öffentlichkeit mit der Ausstellung an: „Ihre Archive haben Wert, geben Sie sie uns anvertraut und helfen Sie, die Geschichte der Shoah zu bewahren.“

Die Ausstellung wird in Berlin bis zum 9. Juli 2026 zu sehen sein.

Liliane Ryszfeld sagt: „Während unsere Generation allmählich verschwindet, hoffe ich, dass trauernde Familien weitere Dokumente finden, damit die ganze Wahrheit ans Licht kommen kann.“

Lennart Krüger

Lennart Krüger

Ich bin Lennart Krüger, Redakteur bei S-Bahn Hamburg. Ich schreibe über Stadtleben, Kultur und alles, was Hamburg bewegt – von neuen Projekten bis zu verborgenen Geschichten. Meine Leidenschaft: die Vielfalt dieser Stadt in Worte zu fassen.