Viele Menschen glauben, dass Deutsche nicht verteidigungsbereit seien. In einem Gastbeitrag für Euronews verwendet der Militärsoziologe Dr. Timo Graf aktuelle Umfragedaten, um zu zeigen, warum diese Sicht die Verteidigungsfähigkeit der deutschen Gesellschaft unterschätzt.
Russland führt einen Angriffskrieg gegen die Ukraine und einen hybriden Krieg gegen ganz Europa. Zugleich zieht sich die USA aus ihrer Rolle als militärischer Sicherheitsgarant Europas zurück.
Vor diesem Hintergrund übernimmt Deutschland mehr Verantwortung für die Verteidigung Europas. Tatsächlich investiert Deutschland stark in die Stärkung seiner eigenen Verteidigungsfähigkeiten und ist zum größten militärischen Unterstützer der Ukraine in Europa geworden. Dennoch bestehen Zweifel an der Bereitschaft der Deutschen, ihr Land zu verteidigen.
Umfragen zeigen jedoch, dass eine Mehrheit der Bevölkerung im Falle eines militärischen Angriffs auf Deutschland nicht bereit wäre, eine Waffe zu ergreifen. Derartige Befunde erzeugen regelmäßig Schlagzeilen in deutschen und internationalen Medien. Solche Berichte verunsichern Deutschlands Verbündete, könnten Angreifer ermuntern und das Vertrauen der Öffentlichkeit in die eigene Resilienz des Landes untergraben.
Eine differenziertere Bewertung der empirischen Belege führt zu ganz anderen Schlussfolgerungen hinsichtlich der Verteidigungsbereitschaft der deutschen Bevölkerung.
Deutschlands unterschätztes Verteidigungspotenzial
Es ist zwar zutreffend, dass die persönliche Bereitschaft, das eigene Land zu verteidigen, im Durchschnitt in den nordischen und baltischen Staaten stärker ausgeprägt ist als in Deutschland (und in vielen anderen europäischen Ländern). Die in diesen Ländern oft zitierten hohen Zustimmungswerte werden häufig als Beleg für eine vergleichsweise geringe Bereitschaft Deutschlands zu kämpfen herangezogen.
Um jedoch Äpfel nicht mit Birnen zu vergleichen, ist es notwendig, Unterschiede in den Verteidigungssystemen (Wehrpflicht, Wehrdienst auf Freiwilligenbasis oder vollständig professionell bewaffnete Kräfte) sowie historische Erfahrungen militärischer – und explizit russischer – Aggression zu berücksichtigen. Außerdem sollte bei der Bewertung des tatsächlichen Verteidigungspotenzials verschiedener Länder Umfragedaten zur Bereitschaft, das Land zu verteidigen, in Relation zur Bevölkerungsgröße gesetzt werden.
Im Vergleich zu den baltischen und nordischen Ländern profitiert Deutschland von einem Skalenvorteil. Litauen hat eine Bevölkerung von knapp drei Millionen und Finnland weniger als sechs Millionen, während Deutschland rund 83 Millionen Einwohner zählt. Laut der jährlichen repräsentativen Umfrage des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) geben derzeit 54 % der deutschen Männer und 21 % der deutschen Frauen an, dass sie bereit wären, das Land mit einer Waffe zu verteidigen.
Verteidigung beginnt nicht an der Frontlinie
Fokussieren wir uns ausschließlich auf die 20- bis 40-Jährigen – grob gesagt die Einsatzbereiten – geben 54 Prozent der Männer und bis zu 23 % der Frauen an, dass sie bereit wären, sich am bewaffneten Kampf zu beteiligen. In absoluten Zahlen deutet die Zählung darauf hin, dass dies mehr als fünf Millionen Männer und mehr als zwei Millionen Frauen umfassen würde.
Es gibt daher keinen Beleg für einen absoluten Mangel an Bürgern, die bereit sind, sich an der nationalen Verteidigung zu beteiligen. Zudem lässt sich die praktische Bereitschaft einer Bevölkerung, sich zu verteidigen, nicht allein auf die Bereitschaft zum bewaffneten Kampf reduzieren. Nur ein Teil der Bevölkerung wäre erforderlich, um einen militärischen Beitrag zu leisten, ebenso wie nur ein relativ kleiner Anteil der Streitkräfte aus Frontkampfsoldaten besteht.
Das Konzept einer umfassenden Verteidigung als Ganz-der-Staat-und-Gesellschafts-Anstrengung geht weit über den militärischen Bereich hinaus. Wie die Erfahrung der Ukraine zeigt, hängt die Fähigkeit eines Landes, sich zu verteidigen und Angriffen standzuhalten, von einer breiten Grundlage ab: Staat, Zivilgesellschaft und Industrie leisten alle wesentliche Beiträge. Umfragen in Deutschland zur möglichen Beteiligung am Zivilschutz zeigen eine außerordentlich hohe Bereitschaft zur Mitarbeit – deutlich höher als die Bereitschaft zum Waffengebrauch. Nicht jeder muss militärisch dienen, um einen wichtigen Beitrag zur nationalen Verteidigung zu leisten.
In der Tat beginnt Resilienz früher als das. Ausgangspunkt ist die Wahrnehmung einer Bedrohung.
Seit 2022 betrachten mehr als 60 % der Deutschen Russland als direkte militärische Bedrohung für die Sicherheit Deutschlands; vor 2022 lag die Zahl bei nur etwa einem Viertel bis einem Drittel der Bevölkerung. Russland gilt heute als Bedrohung bei einer Mehrheit über alle soziodemografischen Gruppen hinweg und unter Wählern aller Parteien. Auf der Grundlage dieses breiten gesellschaftlichen Konsenses unterstützen eine absolute Mehrheit eine erhebliche finanzielle Investition in die Verteidigung (64 Prozent) sowie die Wiedereinführung des Wehrdienstes (53 %).
Und entgegen der verbreiteten Annahme, dass Deutschland Militärinstitutionen gegenüber zutiefst skeptisch sei, bleibt die öffentliche Unterstützung für die Streitkräfte stark. Seit dem Jahr 2000 haben mindestens drei Viertel der Befragten eine positive Sicht auf die Bundeswehr geäußert. Eine ähnliche Proportion äußert Vertrauen in die Streitkräfte und betrachtet sie als normalen Bestandteil der Gesellschaft. Nichts an dieser grundsätzlich positiven Haltung gegenüber der Bundeswehr hat sich seit 2022 geändert – noch brauchte es dazu. Die Unterstützung war bereits vorhanden.
Der Mythos des deutschen Pazifismus
Gehören Deutsche nicht im Großen und Ganzen zu den Pazifisten? Die Vorstellung vom „deutschen Pazifismus“ ist eine Erzählung – ein verzerrtes Bild –, das mehr über die ideologische und intellektuelle Ausrichtung derjenigen aussagt, die sie fördern, als über die strategische Kultur der deutschen Öffentlichkeit.
Empirische Studien zum Pazifismus als Leitprinzip in der Außen- und Sicherheitspolitik, basierend auf ZMSBw-Umfragedaten, zeigen, dass bereits vor 2022 nicht mehr als 27 % der Deutschen als überzeugte Pazifisten beschrieben werden konnten. Im Gegensatz dazu war eine klare Mehrheit von mindestens 60 % Pragmatiker oder Realisten, die sowohl nicht-militärische als auch militärische Instrumente grundsätzlich als legitime Instrumente der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik betrachteten.
Seit 2022 ist der Anteil der Pazifisten auf 13 % gefallen, während der Anteil der Realisten auf nahezu 70 % gestiegen ist. Realisten bilden nun in allen soziodemografischen Gruppen und unter Wählerinnen und Wählern aller Parteien eine Mehrheit. Die breite öffentliche Unterstützung für Deutschlands Verteidigungspolitik seit 2022 ist daher am besten als Reaktion einer pragmatischen Mehrheit auf ein verändertes Bedrohungsumfeld zu verstehen.
Resilienz trotz Zweifel
Deutschland ist Europas größte Volkswirtschaft und bevölkerungsreichste Nation. In absoluten Zahlen gibt Deutschland mehr für Verteidigung aus als jedes andere europäische Land und ist der stärkste Unterstützer der Ukraine in ihrem Verteidigungskampf gegen die russische Aggression.
Eine Mehrheit der Bürger unterstützt diese Politik, weil sie sicherheitspolitische Pragmatiker sind, die Russland als direkte Bedrohung für die Sicherheit Deutschlands anerkennen. Und das ist lediglich die Reaktion darauf, indirekt vom Krieg betroffen zu sein.
Wenn Deutschland selbst einem militärischen Angriff ausgesetzt wäre, würden viele Millionen bereit sein, mit einer Waffe zu kämpfen.
Trotz oft kritischer medialer Berichterstattung sollte niemand Deutschlands Fähigkeit zur Selbstverteidigung unterschätzen: weder Russland, noch die Verbündeten Deutschlands, und vor allem nicht die Deutschen selbst.

