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Gegen Russland: Polen und Deutschland planen riesige Offshore-Windparks in der Ostsee

12. Juni 2026

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Trotz hybrider Angriffe aus Russland setzt Polen auf Offshore-Windenergie aus der Ostsee. Auf einem Forum in Berlin war eine Botschaft eindeutig: Die Region könnte Europas nächstes großes Energiezentrum werden. Wird Europa diese Chance nutzen?

Der Ausbau der Offshore-Windenergie in Deutschland schreitet nur langsam voran. Nachdem Deutschland jedoch die Kernenergie schrittweise abgeschaltet hat, hat das Land faktisch alle Eier in einen Korb gelegt. Zu lange war Deutschland abhängig von Importen fossiler Brennstoffe. Allerdings ist Russland nun als Energieversorger ausgeschlossen, da sein umfassender Krieg gegen die Ukraine andauert, während der Konflikt um den Iran und die Störung des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus die energieabhängige Wirtschaft Deutschlands in eine zunehmend prekäre Lage gebracht haben.

Jan Tombiński: ‚Eine gute Krise sollte nicht ungenutzt bleiben‘

„Eine gute Krise sollte nicht ungenutzt bleiben“, sagt Jan Tombiński, Polens Botschafter in Deutschland. Er verweist auf ein chinesisches Sprichwort, das eine kraftvolle Botschaft trägt: Jede Krise bietet auch eine Chance.

Diese Chance stand am Dienstag im Mittelpunkt des 4. Deutsch-Polnischen Forums für den Energiewandel in Berlin. Diplomaten und Wirtschaftsführer aus Deutschland und Polen kamen in der Polnischen Botschaft zusammen, um gemeinsame Lösungen für aufkommende Herausforderungen zu erörtern.


Jan Tombiński, Poland’s ambassador to Germany.


Nach Aussagen von Tombiński ist Polen nun zu einem noch wichtigeren wirtschaftlichen Partner Deutschlands geworden als die Vereinigten Staaten. Die Volkswirtschaften beider Länder sind stark miteinander verflochten. Eine engere deutsch-polnische Zusammenarbeit im Offshore-Energie-Sektor bietet bedeutende Chancen, Europas gesamte Energiesouveränität zu stärken.

Die Ostsee ist der Schlüsselraum für diese Zusammenarbeit. Deutschland zögert jedoch bislang, Offshore-Anlagen dort auszubauen, wodurch möglicherweise eine große Chance verpasst wird, die Energieunabhängigkeit durch grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu erhöhen.

Warschau hat ebenfalls erkannt, dass es zu stark von Energieimporten abhängig geworden ist. „Wir haben uns in diese Lage gebracht, und wir müssen daraus herauskommen“, sagt Jacek Kostrzewa, Präsident und CEO der Nationalen Energieeinsparungsbehörde (KAPE).

Polens Wirtschaft boomt. Während viele große europäische Volkswirtschaften stagnieren, wächst Polen seit Jahren stetig schneller als der EU-Durchschnitt. Für 2026 wird ein reales BIP-Wachstum von etwa 3,3 bis 3,5 Prozent erwartet.

Wie funktioniert Polens Strategie

Konrad Wojnarowski, Staatssekretär im polnischen Ministerium für Energie, erläutert den Ansatz des Landes. Russland gilt nicht mehr als verlässlicher Partner, während der Krieg den Nahen Osten weiterhin destabilisiert. Folglich verfolgt Polen eine Strategie, die auf der „Diversifizierung der Energiequellen“ basiert.

Auf- und Offshore-Erneuerbare Energie müssen weiter ausgebaut werden, während Energiespeicher-Infrastruktur entwickelt werden muss. Gleichzeitig beabsichtigt Polen, weiter in Kernenergie zu investieren. „Stärkung der Sicherheit und Gewährleistung der Versorgung“ ist das Leitprinzip.

Wojnarowskis Warnung lautet, dass die Kosten einer unzureichenden Vorbereitung enorm wären. „Ein landesweiter Blackout würde Polen täglich 9,5 Milliarden Euro kosten.“ Daher lautet Polens Ziel: „so wenig Abhängigkeit von Russland wie möglich.“

Polen hat den Ausbau der Windenergie deutlich beschleunigt. Die installierte Onshore-Windenergiekapazität hat die Marke von 2.000 Megawatt vor Jahren überschritten und liegt nun bei über 11 Gigawatt (11.000 Megawatt), ausreichend, um jährlich etwa sieben bis zehn Millionen Haushalte zu versorgen.

Die erste Offshore-Windfarm Polens befindet sich bereits im Bau und soll voraussichtlich in der zweiten Hälfte des Jahres 2026 vollständig in Betrieb gehen.

Welche Richtung wird Europa einschlagen?

Doch wohin geht Europa?

„Grenzüberschreitende Zusammenarbeit ist äußerst wichtig“, sagt Piotr Wiśniewski, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Polnischen Kammer für Erneuerbare und Verteilte Energie (PIGEOR) und Vorsitzender des Aufsichtsrats von EnercoNet.

„Wir brauchen die richtige Infrastruktur. In zwanzig Jahren wird es sehr gut funktionieren“, sagt Wiśniewski.

Deutschlands Offshore-Windaktivität in der Ostsee bleibt deutlich geringer als in der Nordsee. Die Offshore-Windparks Baltic 1 und Baltic 2 vor der Küste von Mecklenburg-Vorpommern speisen Elektrizität in das deutsche Netz ein, gehören jedoch zu einer eher begrenzten regionalen Expansion.

Embassy of the Republic of Poland in the Federal Republic of Germany

Embassy of the Republic of Poland in the Federal Republic of Germany


Deutschland verfolgt demgegenüber eine deutlich dynamischere Entwicklungsstrategie im Ostseeraum und baut seine Kapazität rasch aus. Neben Baltic Power befinden sich Projekte wie Baltic 3 und Baltic 9+ derzeit in der Entwicklung. Deutsche Unternehmen sind zunehmend als Zulieferer und Projektentwickler beteiligt.

Dr. Elmar Stracke, Strategie- und Politikberater beim Deutschen Verband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), bestätigt, dass Deutschlands Offshore-Windsektor vor Herausforderungen steht.

„In Polen geht es besser voran als hier“, sagt Stracke. Deutschland brauche eine effizientere Flächenplanung und mehr Effizienz bei der Erreichung seiner Offshore-Ausbauziele.

Nach Strackes Ansicht liegt die Zukunft weder allein in Deutschland noch in Polen, sondern offshore – in der Ostsee und in der Nordsee.

„Das Meer ist der Raum, der zählt, nicht die einzelne Küstenlinie“, sagt er.

Diese Vision erfordert jedoch große Investitionen in die Energieinfrastruktur. „Die Infrastruktur des Energiesystems muss robust genug sein, um uns nicht von Kurs abzubringen.“

Hybride Bedrohungen in der Ostsee: Verantwortung übernehmen

Die Ostsee bietet nicht nur Chancen, sondern auch signifikante Herausforderungen.

Die Region ist zu einer zentralen Bühne für hybride Bedrohungen geworden. Russland hat zunehmend auf Signalstörungen, Sabotage und Provokationen gesetzt, die auf kritische westliche Infrastruktur abzielen und politischen Druck auf europäische Unterstützer der Ukraine erhöhen.

Unterseeische Telekommunikationskabel, Datenverbindungen und Gaspipelines sind ständigen Bedrohungen ausgesetzt. Gleichzeitig stören zunehmende Interferenzsignale über der Ostsee die Navigationssysteme sowohl von Schiffen als auch von Flugzeugen.

Wojnarowskis Reaktion ist eindeutig: Europa muss sowohl militärisch als auch in der Energiesicherheit eine größere Verantwortung übernehmen.

Polen ist der größte Empfänger des europäischen SAFE (Security Action for Europe) Verteidigungsfinanzierungsprogramms. Die Initiative trägt zur Modernisierung der Streitkräfte des Landes bei und stärkt gleichzeitig die heimische Verteidigungsindustrie, die auch dazu beiträgt, die Ostseeregion zu sichern.

Wird Deutschland das Potenzial der Ostsee freisetzen?

Dr. Dirk Biermann, Chief Operating Officer des Netzbetreibers 50Hertz, betont, dass das Unternehmen die Verantwortung spürt, das Potenzial der Ostsee stärker zu nutzen.

50Hertz betreibt das Hochspannungsübertragungsnetz in Nordostdeutschland und unternimmt bereits erhebliche Anstrengungen, die in der Region noch weitgehend ungenutzten Möglichkeiten zu erschließen.

Nach Schätzungen der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2019 liegt das technische Offshore-Windpotenzial aller EU-Länder, die an die Ostsee grenzen, bei mehr als 90 Gigawatt.

Die Initiative fällt zudem mit dem bevorstehenden 35. Jahrestag des Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrags zusammen und schenkt der künftigen Zusammenarbeit symbolische Impulse.

Mehrere Projekte sind bereits in der Entwicklung, um diese Vision voranzutreiben. Darunter das Konzept Bornholm Energy Island, das als zentrales Offshore-Energiezentrum in der Ostseeregion konzipiert ist.

 The Bornholm Energy Island

Die Bornholm Energy Island


Weitere Pläne umfassen grenzüberschreitende Unterseekabelverbindungen, die Offshore-Windparks mit Stromnetzen in Deutschland, Dänemark, Polen und den baltischen Staaten verbinden, was den Austausch erneuerbarer Elektrizität zwischen den Ländern ermöglicht.

Ein gemeinsamer Unterseekabel-Interconnector zwischen Litauen, Lettland und Deutschland – der Baltic-German PowerLink – wird ebenfalls geprüft. Ziel des Projekts ist es, den grenzüberschreitenden Elektrizitätshandel über die Ostsee zu stärken und die Integration von bis zu 2 Gigawatt Offshore-Windkapazität zu erleichtern.

The Baltic-German PowerLink

The Baltic-German PowerLink


Insgesamt bewegt sich der Trend eindeutig in Richtung Diversifizierung und Resilienz – hin zu einem stärker vernetzten und integrierten Energiemarkt in der Ostseeregion.

Lennart Krüger

Lennart Krüger

Ich bin Lennart Krüger, Redakteur bei S-Bahn Hamburg. Ich schreibe über Stadtleben, Kultur und alles, was Hamburg bewegt – von neuen Projekten bis zu verborgenen Geschichten. Meine Leidenschaft: die Vielfalt dieser Stadt in Worte zu fassen.