Nach sieben Stunden Gesprächen hat die Koalition aus CDU/CSU und SPD weitreichende Steuer-, Arbeitsmarkt- und Rentenreformen beschlossen, ein Durchbruch, der darauf abzielt, die schwächelnde Wirtschaft zu beleben und dem Aufstieg der extremen Rechten entgegenzuwirken.
Die regierende Koalition Deutschlands legte am Donnerstag ein umfassendes Reformpaket vor, mit dem Ziel, die schleppende Wirtschaft des Landes wieder auf Kurs zu bringen.
Die Koalition aus CDU, CSU und SPD hat sich auf 34 Maßnahmen geeinigt, die unter anderem Steuererleichterungen für Familien mit niedrigem und mittlerem Einkommen, eine Überarbeitung des maroden Rentensystems und strengere Regeln für den Krankenstand der Arbeitnehmer umfassen.
„Wir arbeiten daran, die Flexibilität unserer Unternehmen zu erhöhen,“ sagte Bundeskanzler Friedrich Merz nach sieben Stunden Gesprächen auf einer Pressekonferenz in Berlin.
„Wir arbeiten daran, Bürokratie abzubauen. Wir arbeiten daran, unseren Sozialstaat zu schützen, und wir arbeiten daran, die Belastung für Arbeitnehmer und Unternehmen durch Steuersenkungen zu verringern,“ sagte Merz bei der Vorstellung des „Programms für Wiederbelebung und Beschäftigung“.
Die Steuerentlastung würde einer durchschnittlichen Familie pro Jahr etwa 600 Euro mehr zur Verfügung stehen, sagten die Parteien.
SPD-Chef und Vizekanzler Lars Klingbeil erklärte, er sei mit der Vereinbarung zufrieden.
Die wichtigsten Entscheidungen:
Einkommensteuer
Der Spitzensteuersatz von 42% bleibt unverändert, soll künftig aber nur noch für Einkommen über die derzeitige Grenze von 70.000 € gelten.
Bei der Steuer auf die Wohlhabenden hat sich die Koalition auf ein gestuftes System geeinigt. Ab einem Jahreseinkommen von 250.000 € soll ein Satz von 45% greifen; wer mehr als 280.000 € verdient, wird künftig 47% zahlen. Die Koalition bezeichnet dies als eine „faire Lastenverteilung durch eine moderate Erhöhung der Steuer auf die Reichen“.
Die Gesamteinsparung bei Steuern, die durch die Reform geschaffen wird, beläuft sich auf etwa 10 Milliarden Euro pro Jahr.
Mehr befristete Beschäftigung und Sonntagsöffnungszeiten
Um der Wirtschaft mehr Flexibilität zu geben, will die Koalition die Optionen für befristete Arbeitsverträge ausbauen und längere Sonntagsöffnungszeiten ermöglichen.
Ende der Krankschreibungen am Telefon
Die strengeren Regeln für Krankschreibungen würden es Arbeitnehmern künftig nicht mehr erlauben, sich telefonisch krankzumelden, um bis zu drei Tage zu fehlen, ohne einen Arzt aufzusuchen, oder den Arzt anzurufen und eine Krankschreibung von einer Woche zu verlangen, ohne den Arzt tatsächlich zu sehen.
Stattdessen könnten Arbeitgeber ab dem ersten Tag der Krankschreibung eine ärztliche Bescheinigung verlangen.
Merz hatte wiederholt darauf hingewiesen, dass die Arbeitsunfähigkeitsquote in Deutschland zu hoch sei und die Produktivität schade.
Künftig müssen Arbeitnehmer ab dem ersten Krankheitstag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorlegen.
Keine Vergesellschaftung von Wohnungsgesellschaften mehr
Eine Vergesellschaftung von Wohnungsunternehmen soll verboten werden. Ziel ist es, Investoren mehr Planungssicherheit zu geben.
Abbau von Bürokratie
Im Rahmen der Bemühungen, Bürokratie abzubauen, sollen die Rechtsgrundlagen für staatliche Leistungen zeitlich befristet sein, da diese sogenannten Sunset-Klauseln als wirksames Instrument zur Straffung der Regulierung gelten.
Rentenreform
Die Reform des Rentensystems würde eine schrittweise Anhebung des Rentenalters beinhalten, das derzeit je nach Anzahl der geleisteten Arbeitsjahre zwischen 65 und 67 Jahren liegt, im Einklang mit der Lebenserwartung.
Die Koalitionsführer sagten, sie würden die Empfehlungen eines vom Regierung beauftragten Ausschuss aus Experten und Politikern letzten Monat vorgelegten Vorschlags umsetzen, um das Rentensystem zu stabilisieren. Ziel ist es, das Rentenniveau nicht fallen zu lassen und einer großen, langfristigen Erhöhung des Arbeitnehmerbeitrags zum Rentensystem entgegenzuwirken.
Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) bezeichnete das Rentenpaket als ein „Meisterwerk“ und Merz versprach ebenfalls, die Vorschläge umzusetzen.
Die umstrittensten Fragen zwischen der Christlich Demokratischen Union und der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands waren die Steuerreformen, wobei die SPD eine stärkere Beteiligung der Wohlhabenden in Deutschland forderte, während die CDU/CSU prinzipiell Steuererhöhungen ausgeschlossen hatte.
Druck durch die Landtagswahlen im September
Die Regierung ist auch bestrebt zu zeigen, dass sie die Probleme des Landes in den Griff bekommen kann, und die Anziehungskraft der AfD zu mindern, die seit Monaten in nationalen Umfragen an der Spitze liegt.
Landtagswahlen sind für September in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern vorgesehen. Laut Umfragen liegt die AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern vorn.
In Berlin ist die von Kai Wegner geführte CDU laut einer RBB-Umfrage für das Abgeordnetenhaus auf den vierten Platz abgerutscht, hinter allen Oppositionsparteien, Die Linke, die AfD und die Grünen.
Alice Weidel, die Co-Vorsitzende der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD), die im letzten Jahr bei den nationalen Wahlen den zweiten Platz belegte, verhöhnte das Reformpaket.
Auf X nannte sie die Maßnahmen eine „noch stärker linksgerichtete Umverteilung und minimale Kompromisse, die es nicht verdienen, als Reformen bezeichnet zu werden“.
„Die Tatsache, dass dies als ein ‚Durchbruch‘ verkauft wird, beweist nur eines: Die völlige Unfähigkeit dieser Regierung, Reformen durchzuführen,“ schrieb sie.


