Ein Angriff mit Signalwirkung
Die ukrainische Operation „Spinnennetz“ hat der russischen Verteidigung einen empfindlichen Schlag versetzt. Berichten zufolge wurden 41 Militärflugzeuge zerstört oder beschädigt, darunter Träger für nuklearfähige Waffen. Moskau kündigte eine Antwort an und behält sich vor, „wann und wie“ zu entscheiden.
Für den Geopolitik-Experten Thomas Friang ist der geopolitische Kontext heute spröder und unberechenbarer als im Jahr 1962. Die Risiken einer nuklearisierten Eskalation seien höher, weil die Schwellen zwischen konventionellem und strategischem Krieg verschwimmen. Jede Fehlkalkulation könne in Minuten eskalieren und Kettenreaktionen über mehrere Fronten auslösen.
Warum die Lage gefährlicher ist als 1962
Anders als in der Kubakrise existiert heute kein klarer bilateraler Rahmen zwischen zwei Supermächten. Das internationale System ist multipolar, fragmentiert und von vielen Akteuren geprägt. Diese Vielfalt schafft zusätzliche Reibung und macht Krisenkommunikation komplizierter.
Technologische Entwicklungen verkürzen die Entscheidungszeiten drastisch. Hyperschallwaffen, Cyberangriffe und autonome Drohnen erhöhen Tempo und Intransparenz. Fehlalarme oder manipulative Informationen können in Echtzeit militärische Reaktionen provozieren.
Gleichzeitig ist das Gerüst der Rüstungskontrolle erodiert. Abkommen wurden ausgesetzt oder gekündigt, Verifikationsmechanismen sind schwächer geworden. Wo früher rote Linien definiert waren, herrscht heute Ambivalenz und Misstrauen.
- Mehrere Krisenherde überlagern sich und schaffen Kopplungsrisiken.
- Kommunikationskanäle sind fragil, Hotlines oft nicht robust genug.
- Doktrinen zu taktischen Atomwaffen bleiben bewusst vage.
- Informationskrieg verstärkt Fehleinschätzungen und innenpolitische Zwänge.
- Rüstungskontrolle ist erodiert, Transparenz gering.
Putin als „Regulator“ – und die Rhetorik der Drohung
Friang beschreibt Wladimir Putin als relativen „Regulator“ innerhalb eines harten sicherheitspolitischen Apparats. Während andere Stimmen in Moskau schärfer mit Nuklearoptionen drohen, inszeniert sich der Kremlchef als kalkulierender Akteur. Diese Haltung verhindert nicht die Gefahr, sie verlangsamt sie allenfalls.
Parallel steigern propagandistische Botschaften die psychologische Druckkulisse. Der prominente Moderator Wladimir Solowjow erklärte im russischen Fernsehen, die Welt sei bereits über das Gefahrenniveau der Kubakrise hinaus. Solche Aussagen dienen der Abschreckung, können aber auch Fehldeutungen befeuern.
„Wir leben in einer Epoche, die die Kubakrise in Bezug auf die Gefahr eines nuklearen Kippmoments übertroffen hat“, sagte Solowjow, und pries die „Besonnenheit“ des Oberbefehlshabers, die die Welt bislang „am Leben“ gehalten habe.
Optionen, Schwellen und mögliche Fehlkalkulationen
In den aktuellen Angriffen wurden mutmaßlich auch nuklearfähige Kapazitäten tangiert. Das berührt zentrale Elemente russischer Abschreckung und erzeugt strategische Nervosität. Aus Sicht einiger Militärplaner könnte dies eine harte, aber „kalibrierte“ Reaktion nahelegen, um Glaubwürdigkeit zu wahren.
Taktische Atomwaffen gelten in mehreren Doktrinen als „Signalinstrument“ unterhalb eines apokalyptischen Schlags. Doch die Illusion eines kontrollierten nuklearen Einsatzes ist trügerisch. Die Schwelle zum Flächenbrand wäre schwer abzuschätzen, Eskalationsdominanz nicht garantierbar. Schon die Drohung verändert Entscheidungslogiken auf beiden Seiten.
Friang betont, dass ein nuklearer Einsatz „möglich“ sei, wenn strategische Luftflotten direkt angegriffen werden. Auch westliche Streitkräfte würden in einem vergleichbaren Fall „sehr sehr hart“ reagieren, ohne automatisch nuklear zu eskalieren. Genau diese Grauzone birgt das größte Risiko von Missverständnissen.
Was jetzt zu tun ist
Kurzfristig braucht es mehr belastbare Kommunikationskanäle zwischen den Hauptakteuren. Verbindliche Notfall-Hotlines und militärische Deconfliction-Formate können Missverständnisse reduzieren. Jedes Signal, das Klarheit über rote Linien schafft, mindert das Risiko einer Überreaktion.
Mittelfristig sollte die Rüstungskontrolle reaktiviert werden. Transparenz über Trägersysteme, Übungen und Doktrinen kann die Eskalationsdynamik bremsen. Selbst begrenzte Vereinbarungen schaffen Zeit, die in Krisen lebenswichtig ist. Parallel braucht es resiliente Frühwarnsysteme, die Cyber- und Desinformations-Angriffe abfedern.
Schließlich ist politischer Realismus gefragt: Maximale Ziele bei minimaler Kommunikation sind im Atomzeitalter toxisch. Eskalationsmanagement bedeutet, militärische Effekte mit politischer Schadensbegrenzung zu verbinden. Wer die Stabilität der Abschreckung untergräbt, zündelt an den tragenden Balken der internationalen Ordnung.
Die Kombination aus frontnahen Schlägen, diffuser Doktrin und schwachen Schutzgeländern macht die Gegenwart gefährlicher als die berühmte Oktobertage des Kalten Krieges. Genau deshalb hat Friangs Warnung Gewicht: Nicht Alarmismus, sondern nüchterne Risikoreduktion ist die Aufgabe der Stunde. Jede gezogene rote Linie, jeder reaktivierte Kontrollmechanismus und jedes robuste Gespräch verringern die Wahrscheinlichkeit des Schlimmsten – und halten die Tür zur Vernunft offen.
