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Bretagne schlägt Alarm: Russisches Schiff liegt am Kai fest – wird zur teuren Kostenfalle

17. Februar 2026

Der in Saint-Malo liegende russische Frachter entwickelt sich für die Region zu einem Kostentreiber. Seit Monaten steht der 141 Meter lange Bulkcarrier „Vladimir Latyshev“ still und verursacht Ausgaben, die der Bretagne zusehends auf die Nerven gehen. Nach drei Jahren Ausnahmezustand und eingefrorenen Vermögenswerten eskaliert ein Verwaltungsfall zum konkreten Haushaltsproblem.

Ein Schiff wird zum Klotz am Bein

Das Schiff wurde am 28. Februar 2022, wenige Tage nach Beginn des Kriegs in der Ukraine, in Saint-Malo festgesetzt. An Bord sind sechs Seeleute, die kaum an Land gehen und nach Angaben von Gewerkschaftern im Schnitt alle sechs Monate ablösen. Grundlage der Blockade ist das EU‑Sanktionsregime, das russische Vermögenswerte im gesamten Binnenmarkt einfriert. Was als schneller Akt politischer Symbolik begann, ist im Hafenalltag zu einem langwierigen Balanceakt geworden.

Drei Jahre lang organisierte ein lokaler Dienstleister Wartung, Strom, Wasser, Treibstoff und Proviant. Doch seit Anfang des Jahres bleibt der russische Reeder Rechnungen schuldig, die Gesamtsumme soll bereits rund 200.000 Euro erreichen. Damit fällt die Last auf die öffentlichen Schultern – und zwar auf jene der Region Bretagne, die als Eigentümerin des Hafens von Saint-Malo als erste in die Bresche springen muss.

Wer zahlt die Liegekosten?

Die Region sieht sich plötzlich mit wiederkehrenden Ausgaben konfrontiert, die Monat für Monat den Haushalt belasten. Aufgeschlüsselt klingt das nüchtern, in Summe aber außerordentlich teuer:

– Strom: rund 8.000 Euro pro Monat
– Liegeplatz: etwa 11.500 Euro pro Monat
– Wasser: circa 300 Euro pro Monat
– Gesamt: um die 25.000 Euro pro Monat

Hinzu kommen Logistik, Proviant und der Aufwand für die laufende Betreuung. „Die Bretoninnen und Bretonen dürfen nicht die Kollateralschäden einer Entscheidung tragen, die sie nicht getroffen haben, der Staat muss übernehmen – die Lage wird kritisch“, mahnt Stéphane Perrin-Sarzier, Vizepräsident des Regionalrats der Bretagne.

Menschliche und sicherheitstechnische Risiken

Neben den Finanzen rücken die Lebensbedingungen der Crew in den Fokus. Ohne frische Mittel könnten Treibstoff und Lebensmittel bis Ende Oktober knapp werden, warnen Insider. „Das ist gefährlich, ehrlich gesagt ist es schon jetzt gefährlich, an Bord zu leben“, sagt Laure Tallonneau, Inspektorin der Gewerkschaft CGT-Transport für den Großwesten. Sie besucht den Bulkcarrier regelmäßig und fordert die sofortige Rückführung der Seeleute.

Die Beschäftigten seien in einer rechtlichen und physischen Zwischenlage: ausreichend versorgt, um durchzuhalten, aber zu wenig, um ein normales Bordleben zu führen. Wenn die technischen Systeme wegen mangelnder Energiezufuhr nicht stabil laufen, drohen Brand‑, Sicherheits‑ und Umweltgefahren, die jeden Hafenbetreiber in Alarmbereitschaft versetzen.

iStock/artJazz

Juristische Sackgasse und mögliche Auswege

Politisch ist das Dilemma heikel, weil Sanktionen europäisch entschieden, aber logistische Folgen lokal getragen werden. Juristisch gibt es grob zwei Pfade: Entweder ermöglicht der Staat eine förmliche Beschlagnahme mit anschließender Veräußerung, um Gläubiger zu bedienen. Oder die zuständige Behörde lockert die Maßnahme und verlegt oder entlässt das Schiff aus dem Stillstand.

Beide Wege sind komplex und potenziell langwierig. Ein Verkauf müsste Eigentums‑, Sanktions‑ und Gläubigerrechte wasserdicht klären. Eine Freigabe wiederum könnte als politisches Signal missverstanden werden. Frankreich steht nicht allein da: Ein weiteres Schiff desselben Reeders liegt seit drei Jahren in Marseille fest. Das zeigt, dass das Problem strukturell ist – und nicht mit einem einzelnen Verwaltungsakt verschwindet.

Was jetzt auf dem Spiel steht

Hält die Blockade an, steigen die laufenden Kosten und die Risiken für Mensch und Infrastruktur. Für die Bretagne ist es eine Frage der Fairness: Eine regionale Ebene finanziert unbeabsichtigt eine geopolitische Maßnahme. Für Paris und Brüssel ist es eine Frage der Glaubwürdigkeit: Sanktionen müssen rechtssicher, aber auch praktisch durchführbar sein.

Kurzfristig spricht vieles für drei Prioritäten: die Versorgung der Crew absichern, die Kosten gerechter zwischen Staat und Region verteilen und ein klares rechtliches Verfahren festlegen. Mittel- bis langfristig braucht es europaweit ein standardisiertes Protokoll, das festgesetzte Schiffe ohne unkalkulierbare Nebenlasten verwaltet und humane Mindeststandards garantiert.

Der Fall Saint-Malo ist damit mehr als eine lokale Hafenposse. Er bündelt die Trilemma-Frage europäischer Politik: Wie lassen sich wirksame Sanktionen, rechtstaatliche Sorgfalt und konkrete Umsetzbarkeit im Alltag von Häfen und Regionen miteinander vereinbaren? Eine rasche, klare Entscheidung – ob Verlegung, Verwertung oder Übernahme aufs Staatskonto – würde Kosten senken, Risiken mindern und das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der öffentlichen Institutionen stärken.

Lennart Krüger

Lennart Krüger

Ich bin Lennart Krüger, Redakteur bei S-Bahn Hamburg. Ich schreibe über Stadtleben, Kultur und alles, was Hamburg bewegt – von neuen Projekten bis zu verborgenen Geschichten. Meine Leidenschaft: die Vielfalt dieser Stadt in Worte zu fassen.