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Europatag: 40 Jahre Auf und Ab in Spaniens Beziehung zur Europäischen Union

9. Mai 2026

In den frühen Stunden des 1. Januars 1986 überschritt Spanien eine Schwelle, die seine Zukunft verändern sollte: den Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) zusammen mit Portugal, ein Schritt, der weit mehr war als eine bloße diplomatische Formalität.

Spanien, das vor vierzig Jahren an Europas Tür klopfte, war ein Land, das gerade erst aus vierzig Jahren Diktatur hervorgegangen war.

Spaniens demokratischer Übergang, in einigen Hinsichten noch fragil, fand in der europäischen Integration einen institutionellen Anker, eine Garantie dafür, dass die gewonnenen Freiheiten nicht wieder rückgängig gemacht würden.

Felipe González, der 1977 als Anführer der Sozialistischen Opposition den Beitritt beantragt hatte und nun als Premierminister regierte, sah es deutlich: Der Beitritt zu Europa ging nicht nur um Ökonomie. Es war eine Aussage politischer Identität. Spanien kehrte zu der Gemeinschaft der demokratischen Nationen zurück, aus der der Francoismus ihn ausgeschlossen hatte.

Die Kennzahlen des Spaniens von 1986 zeigen, wie weit der Ausgangspunkt zurücklag: Das Pro-Kopf-Einkommen lag bei etwa 7.300 Euro, die Lebenserwartung bei 76 Jahren, und die Bevölkerung hatte noch nicht 38 Millionen erreicht.

Der Anteil der Exporte am BIP lag bei kaum 4,9 %, und die Infrastruktur hinkte Jahrzehnte hinter den europäischen Standards her. Vierzig Jahre später liegt das Pro-Kopf-Einkommen über 31.000 Euro, die Lebenserwartung hat 84 Jahre erreicht und die Exporte sind auf 34 % des BIP angewachsen.

Keine dieser Transformationen lässt sich von der EU-Mitgliedschaft trennen.

Die frühen Jahre: Öffnung und Schock

Die ersten Phasen der Integration waren nicht einfach. Spanien musste sich der abrupften Öffnung seines Marktes für den europäischen Wettbewerb stellen, was in ganzen Sektoren der Wirtschaft Spannungen auslöste, insbesondere in der Industrie und der Landwirtschaft.

Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) formte die spanische Landschaft tiefgreifend um, zwang zu schmerzhaften Umstrukturierungen, eröffnete aber auch neue Märkte für mediterrane Produkte. Olivenöl, Obst, Wein: Die spanische Landwirtschaft fand in Europa eine Bühne für eine Expansion, die bisher unvorstellbar gewesen war.

Gleichzeitig begannen europäische Strukturmittel in ein Land zu fließen, das sie dringend brauchte. Die Autobahnen, die heute die Halbinsel verbinden, die Züge, die das Land durchziehen, die modernisierten Häfen, die Telekommunikationssysteme: All dies wurde weitgehend mit finanzieller Unterstützung aus Brüssel errichtet.

In vier Jahrzehnten hat Spanien mehr als 185 Milliarden Euro aus europäischen Mitteln für Infrastruktur, Beschäftigung, Innovation und regionale Entwicklung erhalten. Ohne diese Zuwendung hätte die Modernisierung Generationen länger gedauert.

Ein unerwartetes Symbol jener frühen Jahre war das Erasmus-Programm, das 1987 von der Europäischen Gemeinschaft ins Leben gerufen wurde. Was als bescheidene universitäre Austauschinitiative begann, wurde allmählich zur prägenden Erfahrung einer Generation.

Spanien wurde das Land mit den meisten Erasmus-Studenten in ganz Europa, und mehr als 1,6 Millionen Spanier haben in diesen vier Jahrzehnten am Programm teilgenommen. Für viele junge Menschen war Erasmus nicht nur ein Auslandssemester: Es war das erste Mal, dass sie sich wirklich europäisch fühlten.

Maastricht und der Traum von der gemeinsamen Währung

Das Jahr 1992 markierte einen Wendepunkt für ganz Europa, und Spanien war sich seiner Bedeutung voll bewusst. Die Unterzeichnung des Vertrags über die Europäische Union in Maastricht verwandelte die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft in die Europäische Union im eigentlichen Sinn und öffnete den Weg zur gemeinsamen Währung.

Für Spanien bedeutete Maastricht auch die Übernahme wirtschaftlicher Konvergenzverpflichtungen, die tiefgreifende Reformen erforderten: Haushaltsdefizitkontrolle, Inflationsbekämpfung, Haushaltsdisziplin. Es war der Preis, einen Platz an der Spitze des Verhandlungstisches zu haben.

Im Jahr 1995 kam eine weitere der großen Errungenschaften des europäischen Projekts hinzu: Das Schengen-Abkommen trat in Spanien in Kraft, zusammen mit Deutschland, Frankreich, Belgien, Luxemburg, den Niederlanden und Portugal.

Zum ersten Mal in der modernen Geschichte konnten Bürger die inneren Grenzen Europas ohne Passkontrolle überqueren. Der Schengen-Raum war nicht nur eine Bequemlichkeit für Touristen; er war die physische Verkörperung einer Idee: Dass in Europa die Freizügigkeit der Menschen ein Recht ist, kein Privileg.

Und dann kam der Euro. Am 1. Januar 1999 wurde Spanien zu einem der elf Gründungsländer der Eurozone und setzte die gemeinsame Währung für Finanz- und Handelsgeschäfte ein.

Am 1. Januar 2002 gelangten Banknoten und Münzen in die Taschen der Bürger, und die Peseta verschwand endgültig. Es war ein Moment voller Emotionen und zugleich von einer gewissen Melancholie begleitet: Die Peseta wurde aufgegeben, eine Währung mit Jahrhunderten Geschichte, doch etwas Größeres wurde gewonnen, das Gefühl, sich mit Hunderten von Millionen Europäern ein wirtschaftliches Schicksal zu teilen.

Passenderweise hatten sich die europäischen Führer bei einem Gipfel in Madrid im Dezember 1995 schließlich auf den Namen der neuen Währung geeinigt: der Euro.

Institutionelle Führungsrolle bei fünf Gelegenheiten

In diesen vierzig Jahren hat sich Spanien nicht darauf beschränkt, vom europäischen Projekt zu profitieren: Es hat auch geholfen, es mitzugestalten. Seit 1986 hat das Land fünfmal den Vorsitz im Rat der Europäischen Union geführt, zuletzt in der zweiten Hälfte des Jahres 2023, unter dem Motto „Europa, näher“, und gehört damit zu den Mitgliedstaaten, die sich am stärksten dafür einsetzen, die Union institutionell voranzutreiben.

In diesen vier Jahrzehnten waren drei Präsidenten des Europäischen Parlaments und neun Europäische Kommissare Spanierinnen oder Spanier, eine Präsenz, die das wachsende Gewicht Spaniens in der politischen Architektur Europas widerspiegelt.

Spanien hat auch bei der Ausgestaltung einiger der wichtigsten EU-Politiken geholfen. Es spielte eine führende Rolle bei der Entwicklung der Kohäsionspolitik und bei der Stärkung der sozialen Dimension der EU.

Es war maßgeblich daran beteiligt, im Vertrag von Amsterdam einen Sanktionsmechanismus für Staaten aufzunehmen, die die Grundwerte der Union verletzten. Und seit Jahrzehnten spielt es eine markante Rolle als Brücke zwischen Europa und Ibero-Amerika, indem es auf seine historischen, kulturellen und sprachlichen Verbindungen mit Lateinamerika baut, um die Außenprojektion der EU zu stärken.

Die große Krise und der Prüfstein des Euro

Die Jahre der Großen Rezession prüften die Stärke des europäischen Projekts und Spaniens Widerstandskraft brutal. Die Finanzkrise von 2008 löste eine verheerende Rezession im Land aus: Die Arbeitslosenquote stieg 2013 auf über 26 %, der Bausektor brach zusammen und das Finanzsystem musste teilweise mit europäischen Mitteln gerettet werden.

Die von Brüssel auferlegten Sparmaßnahmen schürten tiefe Unzufriedenheit in der Gesellschaft und nährten den europäischen Skeptizismus in Teilen der Bevölkerung, die unter den Kürzungen am stärksten litten.

Trotzdem verwarf Spanien den Euro oder das europäische Projekt nicht. Es setzte auf Reform und Erholung im Rahmen der EU und ab 2014 trat es in einen Wachstumszyklus ein, der zu den stärksten der Eurozone gehörte. So schmerzhaft die Krise auch war, zeigte sie doch, dass die EU-Mitgliedschaft ein Sicherheitsnetz bietet, das allein unvorstellbar gewesen wäre.

Die von den europäischen Institutionen koordinierte Bankenrettung, die Mechanismen finanzieller Solidarität, der Zugang zu Kapitalmärkten, gestützt durch die Europäische Zentralbank: Ohne Europa wäre die Katastrophe deutlich schwerer gewesen.

Die Pandemie und die NextGenerationEU-Mittel

Wenn die Krise von 2008 eine Prüfung der Ausdauer war, war die COVID-19-Pandemie im Jahr 2020 etwas anderes: eine Demonstration dafür, dass europäische Solidarität sich zu neuen, ehrgeizigeren Formen entwickeln kann.

Zum ersten Mal in der Geschichte der europäischen Integration übernahm die Union gemeinsam Schulden, um die Erholung ihrer Mitgliedstaaten zu finanzieren. Die NextGenerationEU-Mittel stellten Spanien mehr als 140 Milliarden Euro in Zuschüssen und Darlehen zur Verfügung, die größte Zuweisung europäischer Ressourcen in der Geschichte des Landes.

Die Pandemie erinnerte uns auch daran, dass europäische Solidarität, wenn sie funktioniert, ein außergewöhnliches Gut ist. Die Koordinierung beim Impfstoffkauf, das europäische COVID-Zertifikat, das die Wiederherstellung der Mobilität ermöglichte, die gemeinsame Reaktion auf eine beispiellose Bedrohung: All dies zeigte europäischen Bürgern, auch Spaniern, dass das EU-Projekt nicht nur ein Markt, sondern auch eine Gemeinschaft eines geteilten Schicksals ist.

Vierzig Jahre der Transformation

Die Zahlen erzählen eine eindrucksvolle Geschichte. Spanische Warenexporte stiegen von 12,6 Milliarden Euro im Jahr 1986 auf 141,5 Milliarden Euro im Jahr 2024. Das reale BIP ist seit dem Beitritt um mehr als 100 % gewachsen. Die Lebenserwartung hat in den vergangenen vier Jahrzehnten um acht Jahre zugenommen.

Die Bevölkerung ist um mehr als 10 Millionen Menschen gewachsen, größtenteils dank der durch den europäischen Wohlstand ermöglichten Migration. Und mehr als 1,4 Millionen junge Spanierinnen und Spanier haben von der Europäischen Jugendgarantie profitiert, um eine Arbeit zu finden.

Der spanische Premierminister Pedro Sánchez hat den Tag auf seinem X-Konto markiert und betont, dass die Europäische Union die Heimat und Zukunft der Spanier sei, ebenso wie ihr Privileg und ihre Verantwortung.

Die Herausforderungen der nächsten 40 Jahre

Der Jahrestag ist nicht nur Anlass zum Feiern. Es ist auch ein Moment ehrlicher Reflexion darüber, was noch aufgebaut werden muss. Die territorialen Ungleichheiten zwischen den autonomen Gemeinschaften bleiben signifikant.

Der grüne Wandel, die Alterung der Bevölkerung, die digitale Transformation und Migrationsströme stellen Herausforderungen dar, denen kein Land allein begegnen kann. Die russische Invasion der Ukraine hat Europas Sicherheitslandschaft neu gestaltet und zwingt Spanien, seinen Beitrag zur gemeinsamen Verteidigung neu zu überdenken, wie wir es auch im Zusammenhang mit dem Konflikt USA–Iran und Bedrohungen gegen europäische Basen gesehen haben.

Die neuen Generationen, die in einer Realität aufwachsen, die nur europäisch ist, erwarten, dass die Union wirksamer auf diese Herausforderungen reagiert. Für sie ist Europa kein historischer Erfolg, der verteidigt werden muss, sondern ein Ausgangspunkt, der verbessert werden soll. Diese Forderung ist, weit entfernt eine Bedrohung für das Projekt zu sein, vielleicht die beste Garantie für die Zukunft.

Vierzig Jahre nach jener Januarnacht 1986 ist die Mitgliedschaft in der Europäischen Union heute so selbstverständlich geworden, dass es schwer vorstellbar ist, Spanien außerhalb davon zu sehen.

Lennart Krüger

Lennart Krüger

Ich bin Lennart Krüger, Redakteur bei S-Bahn Hamburg. Ich schreibe über Stadtleben, Kultur und alles, was Hamburg bewegt – von neuen Projekten bis zu verborgenen Geschichten. Meine Leidenschaft: die Vielfalt dieser Stadt in Worte zu fassen.