Ostdeutschlands Mega-Komplex künstlicher Seen, entstanden aus stillgelegten Kohleminen, wird diesen Sommer einen neuen Meilenstein erreichen.
Ein jahrzehntelanges Vorhaben, die ehemaligen Kohleminen Deutschlands in ein gigantisches Seengebiet zu verwandeln, wird im April dieses Jahres abgeschlossen – und eine Wasserlandschaft schaffen, die fast so groß ist wie der Comer See in Italien.
Sedlitzsee – der letzte Zuwachs zum 14.000 Hektar großen Lausitzer Seenland – wird Ende dieses Monats erstmals zum Schwimmen und Bootfahren geöffnet.
Laut dem Umweltbundesamt gibt es in Deutschland mehr als 12.000 natürliche Seen.
Darüber hinaus gibt es Hunderte künstliche Wasserflächen: Allein 575 Tagebausseen der Braunkohle wurden 2003 erfasst – und ihre Zahl wird in den kommenden Jahrzehnten weiter steigen, da in den ehemaligen Kohlefeldern weitere Minen überflutet werden. Die Mehrheit von ihnen befindet sich in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Nordrhein-Westfalen.
Doch keines dieser Projekte kommt annähernd an das heran, was in der Lausitz zwischen Berlin und Dresden entsteht.
Vom Tagebau zur künstlichen Wasserlandschaft
In der DDR (Deutsche Demokratische Republik) haben Bergleute mehr als zwei Milliarden Tonnen Braunkohle – oder Braunkohle – aus Tiefen von über 60 Metern abgebaut.
Der Bergbau hinterließ riesige Krater in der Landschaft, die erstmals 1967 durch die Überflutung des Senftenberger Sees in eine Umgestaltung überführt wurden. Teil des Lausitzer Seenlands – jetzt Europas größte künstliche Wasserlandschaft – zieht Besucher zu seinen Häfen, Kanälen und Campingplätzen.
Es gibt sogar eine Gemeinde in der Region namens Neu-Seeland, um die sich die aus ehemaligen Tagebauen entstandene Wasserlandschaft entwickelt hat.
Ohne den Bergbau hätte die Lausitz eine Region geblieben, die fast keine Seen hatte, denn die alte Moränenlandschaft mit ihren durchlässigen Kies- und Sandflächen bildet naturgemäß keine Seen. Übrigens stammt der Name Lausitz vom westslawischen Begriff ‚luzica‘ – der einfach ‚Sumpfgebiet‘ bedeutet.
Das gigantische Ausmaß des Projekts
Als Reiseziel umfasst das Lausitzer Seenland 23 von Menschen geschaffene post-mining Seen mit einer Gesamtwasseroberfläche von 14.000 Hektar. Zehn davon sollen künftig durch Kanäle miteinander verbunden werden, damit eine durchgehende schiffbare Wasserfläche von 7.000 Hektar entsteht. Vier der 13 geplanten schiffbaren Kanäle sind bereits fertiggestellt, weitere sechs befinden sich im Bau.
Die Lausitz- und Zentraldeutsche Bergbau-Verwaltungs-Gesellschaft (LMBV) ist für die Rekultivierung und das Überfluten der ehemaligen Tagebaue verantwortlich – eine Bundeseinrichtung, der in den frühen 1990er Jahren 19 Tagebaugebiete in der Lausitz zugewiesen wurden und die deren Rekultivierung seither koordiniert.
Insgesamt entwickelt die LMBV rund 50 große post-mining Seen, wovon 24 allein in der Lausitz liegen, wie Dr. Uwe Steinhuber von der LMBV Euronews Earth berichtet. „Dies ist ein Prozess, der zwei Generationen dauern wird“, sagt Steinhuber.
Was die Umgestaltung kosten wird
Laut Steinhuber hat die Bergbau-Umstrukturierung in der Lausitz bisher rund 7 Milliarden Euro gekostet. Die Gesamtkosten für die LMBV, einschließlich der zentraldeutschen Bergbaugebiete, belaufen sich auf rund 13,8 Milliarden Euro.
Die Anlage eines einzelnen langfristig sicheren Sees kostet zwischen 200 und 600 Millionen Euro. Das Projekt wird zu 75 Prozent vom Bund und zu 25 Prozent vom jeweiligen Bundesland finanziert – EU-Mittel fließen nicht in die Bergbaurenaturierung. Laut Steinhuber werden in den nächsten 25 Jahren voraussichtlich weitere 4,8 Milliarden Euro benötigt.
Fast so groß wie der Comer See
Ein von der LMBV in Senftenberg eingerichtetes Überflutungszentrum koordiniert den Prozess seit über 25 Jahren: Wasser wird aus den Flüssen Neiße, Spree und Schwarze Elster entnommen und in die Seen geleitet. Ohne aktives Überfluten würde es 80 bis 100 Jahre dauern, bis ein Tagebau allein durch Grundwasser und Regen aufgefüllt ist. Das Überfluten findet nur statt, wenn die Bedingungen stimmen – Versand, Kraftwerke und die Fischerei dürfen nicht beeinträchtigt werden.
Jeder entstehende See bringt eigene Herausforderungen mit sich: Böschungen müssen geotechnisch gesichert, mineralienhaltiges Grundwasser berücksichtigt und in einigen Fällen komplexe Zu- und Abläufe gebaut werden – erklärt Steinhuber. Die schnelle Zuführung neutrales Flusswasser erfüllt einen wichtigen Zweck: Sie verhindert, dass saures Wasser aus den Auslaufbereichen in die Seen gelangt.
Sedlitzsee: Der letzte Baustein
Der Sedlitzsee – früher der Ilse-Ost-Tagebau, der von 1938 bis 1980 betrieben wurde – ist der letzte große Baustein des Projekts, der noch abgeschlossen wird.
Nach Angaben des Fernsehsenders RBB liegen noch rund 200 Hektar Totholz unter der Wasseroberfläche und müssen zunächst entfernt werden. Die Geschichte der Wiederherstellung des Sees reicht bis in die 1990er Jahre zurück, als die Ufer befestigt, Stauanlagen errichtet und die Ufer abgeflacht wurden. Der See erreichte seinen Zielwasserstand im Jahr 2025.
Mit 1.400 Hektar wird er Ende April erstmals zum Schwimmen und Bootfahren geöffnet und ist damit der größte Badesee im gesamten Lausitzer Seenland, rund 100 Hektar größer als der bisherige Rekordhalter, der Senftenberger See.
„Derzeit sind vier der fünf Seen bereits fertiggestellt und können vollständig genutzt werden“, erklärt Kathrin Winkler, Geschäftsführerin des Lausitzer Seenland-Tourismusverbands, Euronews Earth. „Wir erwarten, den Sedlitzsee am 24. April zu eröffnen.“
Fünf Seen verschmelzen im Sommer
Am 29. Juni 2026 wird Europas größte künstliche Wasserlandschaft ihren nächsten Meilenstein erreichen: Der Senftenberger See, der Geierswalder See, der Partwitzer See, der Sedlitzsee und der Großräschener See werden durch befahrbare Kanäle miteinander verbunden, um eine zusammenhängende Wasserfläche von rund 5.000 Hektar zu bilden.
Zum Vergleich: Deutschlands größter Binnensee, die Müritz, umfasst etwa 11.300 Hektar. Will man alle Seen auf dem Wasserweg durchqueren, müsste man rund 50 Kilometer zurücklegen.
Der neu geschaffene Ilsekanal zum Großräschener See sticht besonders hervor: Er führt unter mehreren Eisenbahnlinien und einer Hauptstraße hindurch. „Die größte von Menschen geschaffene Wasserlandschaft Europas nimmt Gestalt an“, sagt Winkler. „Die Eröffnung markiert einen wichtigen Schritt für die weitere Entwicklung des Wassertourismus im Lausitzer Seenland.“
Nach Angaben von Winkler wird der Schwerpunkt der nächsten fünf Jahre darauf liegen, Passagierschiffahrt, neue Liegeplätze und eine erhöhte Unterkunftskapazität zu etablieren. Ziel ist es, das gesamte Lausitzer Seenland als ein einheitliches Reiseziel zu positionieren – von Radfahren und Wassersport bis hin zu kulturellen Angeboten.
Tourismus im Aufschwung: Vor allem aus der Tschechischen Republik
Die Veränderung wirkt sich auch wirtschaftlich aus: Im Jahr 2025 wurden in Betrieben mit 10 oder mehr Betten rund 800.000 Übernachtungen erfasst, wie Winkler Euronews Earth auf Anfrage mitteilte.
Der tschechische Markt entwickelt sich besonders stark: „Wir arbeiten seit mehreren Jahren intensiv am tschechischen Markt und verzeichnen hier bereits großen Erfolg“, sagt Winkler. Im Jahr 2025 verzeichnete die Region 23.063 Übernachtungen aus Tschechien – eine Steigerung von 12,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Als nächsten Schritt richtet der Tourismusverband nun seinen Blick auf den polnischen Markt. Das langfristige Ziel des Verbands, dem derzeit mehr als 30 Gemeinden angehören, liegt bei bis zu 1,5 Millionen Übernachtungen pro Jahr.
Doch es profitieren nicht nur Touristen von außerhalb. „Die lokale Bevölkerung profitiert auf viele Weisen“, sagt Winkler Euronews Earth. „Der Ausbau der Tourismus-Infrastruktur würde neue Arbeitsplätze in der Gastronomie, Hotellerie und Freizeitindustrie schaffen – auch für ehemalige Bergleute und ihre Familien.“
Ein Modell für Europa?
Winkler sagt, dass Lausitz als Modell für andere Kohlebergbau-Regionen auf dem Kontinent dienen könne: „Die Kombination aus umfassender Bergbaurenaturierung, nachhaltiger Landschaftsgestaltung und der gezielten Entwicklung eines Tourismus-Wertschöpfungskreislaufs bietet Impulse für Regionen, die vor ähnlichen Strukturveränderungen stehen.“
Workshops und Exkursionen mit internationalen Partnern wurden bereits während der Internationalen Bauausstellung (IBA, 2000 bis 2010) organisiert – „und wir sind heute noch in einen lebhaften internationalen Austausch zu diesem Thema eingebunden“, sagt Winkler Euronews Earth.
Lausitz Energie Bergbau AG (LEAG), die heute noch aktive Tagebaue in der Region betreibt, plant, sie schrittweise ab 2030 stillzulegen – der letzte wird voraussichtlich erst 2038 stillgelegt. Diese gigantischen Gruben müssen dann ebenfalls überflutet werden.
Was einst als Wunde in der Landschaft galt, wird so nach und nach zu einem der ungewöhnlichsten natürlichen Paradiese Europas.

