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Spionage, Sabotage, Angriffe: Deutscher Geheimdienst warnt Verteidigungsindustrie

22. April 2026

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Im März soll das Bundesamt für Verfassungsschutz laut Berichten darauf zugegangen sein, die Verteidigungsindustrie zu drängen, strengere Sicherheitsstandards durchzusetzen.

In Mitte März kam bekannt geworden, dass ein deutscher Drohnenhersteller Opfer angeblicher Spionage geworden war, was zur Festnahme von zwei tatverdächtigen Spionen geführt hat, denen vorgeworfen wird, geheime Informationen an Russland weitergegeben zu haben. Die Generalbundesanwältin beschuldigt die Verdächtigen, Informationen über das Unternehmen sowohl vor Ort als auch online im Auftrag des russischen Geheimdienstes gesammelt zu haben.

In einem weiteren Fall gegen Ende März wurde auch ein ukrainischer Staatsangehöriger festgenommen, dem Spionageaktivitäten vorgeworfen werden. Die Generalbundesanwaltschaft beschuldigte ihn, Informationen über einen ehemaligen Kämpfer in der Ukraine im Auftrag der russischen Geheimdienste gesammelt zu haben. Die Spionageoperation könnte nach Angaben von Anwälten auch dazu gedient haben, weitere Geheimdienstoperationen gegen das Ziel in Deutschland vorzubereiten.

Im Januar wurde außerdem ein Geschäftsmann aus Nürnberg verhaftet, dem vorgeworfen wird, seit Jahren Technologie für Unterwasser-Spionage an Russland geliefert zu haben. Die Technologie stamme ursprünglich aus Deutschland, sei aber über ein internationales Netzwerk von Unternehmen aus ganz Europa nach Russland weitergegeben worden.

Und das sind nicht isolierte Fälle. Laut einem vertraulichen Bericht des Bundeskriminalamts wurden im Jahr 2025 insgesamt 321 vermutete Sabotagefälle registriert, wie die regionalen Öffentlich-Rechtlichen Sender NDR und WDR berichten, die Zugang zu dem Dokument haben. Sabotage soll vor allem in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen besonders häufig vorkommen sein.


The entrance of the headquarters of the German domestic intelligence service in Cologne, 30 November, 2016


Wachsende Zahl von Verteidigungspartnerschaften

Die Verteidigungsindustrie wächst weiter, und immer mehr Industrieunternehmen, wie zum Beispiel Rheinmetall, verlagern Teile ihrer Produktion oder positionieren sich neu. So soll zum Beispiel das Pierburg-Werk in Berlin, das bisher Autoteile hergestellt hat, künftig auch Artillerie-Munktion herstellen.

Das Verteidigungsunternehmen Quantum Systems erweitert seine Produktion und hat sich auf mindestens drei neue Joint Ventures bzw. projektbezogene Kooperationen mit anderen Unternehmen festgelegt, wie der in München ansässige Scale-up bekanntgab.

„Quantum Systems ist und bleibt ein führender Akteur in der deutsch‑ukrainischen Industriekooperation“, erklärt Matthias Lehna, Geschäftsführer von Quantum Frontline Industries (QFI). Das Unternehmen stellt Drohnen für die ukrainischen Streitkräfte her, und es sollen 10.000 Einheiten geliefert werden, wobei die erste Charge Ende März in das Land gelangen soll.

„Unsere Gemeinschaftsfirma QFI zeigt, dass Produktionskapazitäten in Deutschland innerhalb weniger Wochen aufgebaut werden können und operative Systeme zuverlässig in die Ukraine geliefert werden können“, fährt Lehna fort. „Wir sind überzeugt, dass diese Form der Zusammenarbeit eine zentrale Grundlage für Europas künftige Verteidigungsfähigkeiten bildet.“

Details zu mindestens zwei weiteren Joint Ventures mit Quantum Systems sollen noch folgen. Die Situation sei jedoch allgemein eindeutig. Denn die Verteidigungsindustrie sei in letzter Zeit vermehrt Ziel von Spionage- und Sabotageangriffen geworden. Einer Berichterstattung zufolge wandte sich das Bundesamt für Verfassungsschutz im März an mehrere Unternehmen, um sie vor derartigen Vorfällen zu warnen, und es wurde außerdem eine nationale Wirtschaftsschutzstrategie verabschiedet.

Warnung an Neueinsteiger in der Sicherheitsbranche

Die Bedrohung ist nicht neu, wird jedoch zunehmend akut, und die Geheimdienste Deutschlands legen insbesondere großen Wert darauf, Neueinsteiger in der Branche zu warnen.

„Autoritäre Staaten setzen zunehmend hybride Mittel ein – von Spionage, Cyberangriffen und Sabotage über Desinformation und illegale Wissensweitergabe – gezielt gegen unsere Wirtschaft, Forschungseinrichtungen und kritische Infrastrukturen“, erklärte Sinan Selen, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV).

Die Verteidigungsindustrie boomt, und der Verteidigungssektor expandiert rasch, mit einer bemerkenswerten Nebenwirkung: Viele Neueinsteiger in der Branche werden von Sicherheitsbehörden vor potenziellen Bedrohungen gewarnt.

A soldier prepares to pilot an SR-X4 drone during a static display as part of NATO led military exercises at a military base near Bergen, 19 February, 2026

A soldier prepares to pilot an SR-X4 drone during a static display as part of NATO led military exercises at a military base near Bergen, 19 February, 2026


Nach Angaben des BfV sensibilisiert man derzeit zusätzlich für Spionage- und Sabotageversuche im Wirtschaftssektor sowie „bestimmte Unternehmen zu bestimmten Anlässen“, aber auch Forschungs- und Bildungseinrichtungen, so das Wirtschaftsmagazin Capital.

Dem Bericht zufolge gebe es weiterhin Hinweise zur Selbstschutzberatung, und Spionageoperationen seien besonders wahrschein­lich – insbesondere im Umfeld von Start-ups, die sich in der Verteidigungsindustrie etablierten.

Die Bedrohungslage umfasse längst nicht mehr nur Drohnenüberflüge; seit 2022 gewinnen Sabotage und Spionage ebenfalls an Bedeutung. Laut Informationen von Capital haben insbesondere Bedrohungen aus Russland in den vergangenen drei Jahren deutlich zugenommen. Gewaltakte lassen sich zudem nicht mehr ausschließen. Davon betroffen sind insbesondere Regionen mit einer starken industriellen Basis.

Nationale Wirtschaftsschutzstrategie

Selen bezeichnet Resilienz als zentrales Prinzip: „Der Staat, Politik und Wirtschaft müssen gemeinsam daran arbeiten, Strukturen zu schaffen, die Angriffen standhalten und schnelle Reaktionsmöglichkeiten ermöglichen.“

Dies umfasst das im Januar verabschiedete neue KRITIS-Gesetz zum Schutz kritischer Infrastruktur sowie die Einrichtung eines Gemeinsamen Verteidigungszentrums. Laut Selen durchläuft auch das Bundesamt für Verfassungsschutz selbst einen Transformationsprozess. Ziel ist es, künftig Bedrohungen frühzeitig zu erkennen, Angriffe zu vereiteln und Unternehmen wirksam zu unterstützen.

Auch die Bundesregierung hat Mitte März eine nationale Wirtschaftsschutzstrategie verabschiedet. Sie „bietet einen klaren Rahmen für die strukturierte Umsetzung von Sicherheitsmaßnahmen und eine nachhaltige Erhöhung der Resilienz Deutschlands als Wirtschaftsstandort“, sagt Selen. „Gemeinsam wollen wir sicherstellen, dass Deutschland für hybride Bedrohungen – sowohl national als auch international – gewappnet ist.“

A convoy of the German Armed Forces with multiple vehicles on the road in Hamburg, 25 September, 2025

A convoy of the German Armed Forces with multiple vehicles on the road in Hamburg, 25 September, 2025


Die Strategie umfasst drei Kernziele: Die Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen für Unternehmen und des Dienstleistungsportfolios der Sicherheitsbehörden, die kollektive Erhöhung der Resilienz durch Kooperation zwischen Staat und Privatsektor sowie die individuelle Erhöhung der Resilienz in Wirtschaft und Wissenschaft.

Hybride Angriffe „richten sich zunehmend direkt gegen Unternehmen. Das bedeutet, dass heute mehr denn je die Wirtschaft als zentraler Bestandteil der gesamten nationalen Sicherheitsarchitektur gesehen werden muss“, warnt Johannes Strümpfel, Präsident des VSW‑Bundesverbands.

„Wirtschaftliche Verteidigung ist ein strategischer Standortfaktor für Wettbewerbsfähigkeit und technologische Souveränität. Unsere Aufgabe ist es, die Verteidigungen der deutschen Wirtschaft gemeinsam mit Politikern, den Sicherheitsbehörden und unseren regionalen und Landesverbänden weiter zu stärken“, fuhr Strümpfel fort.

Der Verein Sicherheit in der Wirtschaft richtet in den kommenden Tagen den 21. Deutschen IT-Security Kongress gemeinsam mit den Behörden des Verfassungsschutzes und dem Bundesnachrichtendienst aus.

Lennart Krüger

Lennart Krüger

Ich bin Lennart Krüger, Redakteur bei S-Bahn Hamburg. Ich schreibe über Stadtleben, Kultur und alles, was Hamburg bewegt – von neuen Projekten bis zu verborgenen Geschichten. Meine Leidenschaft: die Vielfalt dieser Stadt in Worte zu fassen.