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Vom Soldaten zum Entwickler: Wie deutsche Truppen ihre eigenen Drohnen testen und bauen

22. April 2026

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Während der Übung „Grand Quadriga 2026“ demonstriert die Bundeswehr die Transformation der modernen Kriegsführung, bei der Drohnen, Daten und Schnelligkeit zunehmend entscheidend werden.

Bei der multinationalen Übung Grand Quadriga 2026 im vergangenen Monat in Seedorf trainierten deutsche Truppen nicht nur mit Drohnen, sie bauten sie auch.

Anstatt herkömmlicher Feuergefechtsübungen setzten die Truppen Aufklärungsdrohnen, Echtzeit-Datenverbindungen und FPV-Systeme ein, um Ziele zu identifizieren und sie in Sekundenschnelle zu treffen. FPV (First-Person-View) Drohnen sind unbemannte Luftfahrzeuge, die ferngesteuert werden und mit einer an Bord montierten Kamera ausgestattet sind und den Bedienern eine Live-Ansicht aus der Perspektive des Piloten bieten.

Im Rahmen des sogenannten „Spark Cells“-Programms arbeiteten Soldaten gemeinsam mit dem Cyber Innovation Hub der Bundeswehr (CIHBw) daran, einige dieser kleinen unbemannten Systeme selbst zu bauen, zu testen und weiterzuentwickeln.

Ziel ist es sicherzustellen, dass sie sie bei Bedarf eigenständig anpassen und reparieren können. Die Bundeswehr verwendet den Begriff „Spark Cells“, um kleine, dezentralisierte Innovationseinheiten zu beschreiben, die vom CIHBw eingerichtet wurden.

Gegründet im Jahr 2017 und drei Jahre später als Innovationsabteilung der Armee etabliert, soll das CIHBw die Einführung neuer Technologien in die Streitkräfte beschleunigen. Es arbeitet mit Soldaten, Start-ups und Unternehmen zusammen und testet Lösungen direkt im Einsatz. Anstatt sich auf langwierige Entwicklungszyklen zu verlassen, werden Prototypen frühzeitig mit dem Heer entwickelt und getestet. Organisatorisch fällt es unter das Bundesministerium der Verteidigung.


A soldier during the Quadriga 2026 exercise


Daten als neue Munition

Moderne Kriegsführung wird zunehmend digital und unbemannt. Lehren aus Russlands groß angelegter Invasion in der Ukraine und, jüngst, aus dem Krieg im Iran haben deutlich gemacht, wie zentral Drohnen für militärische Operationen geworden sind. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Zelenskyy sagte kürzlich, die ukrainischen Streitkräfte hätten erstmals eine russische Position ausschließlich mit unbemannten Systemen erobert, darunter Drohnen und bodengestützte Roboter.

Ein Sprecher des Cyber Innovation Hub der Bundeswehr erklärte Euronews gegenüber, Drohnen seien nicht länger nur eine Ergänzung, sondern ein „strukturell definierendes Element der modernen Kriegsführung“, das Aufklärung, Angriffs-fähigkeiten und Entscheidungszyklen transformiert.

„Wer das Luftraum auf taktischer Ebene kontrolliert, gewinnt Geschwindigkeit, Transparenz und Präzision auf strategischer Ebene“, sagte der Sprecher. Die moderne Kriegsführung sei zudem „technologiegetrieben, datenbasiert und vor allem schneller“.

In einem Gespräch mit Euronews beschrieb Generalstabschef Generalleutnant Dr. Christian Freuding Daten als zentrale Ressource und nannte sie „eine Form von Munition“.

„Wer mehr sehen kann und Informationen schneller und effektiver verarbeiten kann, der kann ein klareres Bild des Schlachtfelds zeichnen, Entscheidungen schneller treffen und mit größerer Präzision handeln“, sagte Freuding. „Kurz gesagt: Sie gewinnen.“

Dieser Wandel transformiert nicht nur die Bundeswehr, er definiert auch die Rolle des Soldaten neu. Die heutigen Truppen sollen nicht nur Systeme betreiben, sondern sie verstehen, hinterfragen und sogar weiterentwickeln.

„Technologisches Verständnis, Improvisation und vernetztes Denken sind heute ebenso unverzichtbar wie traditionelle Fähigkeiten“, so der CIHBw-Sprecher. Mit anderen Worten: Der moderne Soldat ist nicht mehr nur Anwender, sondern Mitentwickler.

„Die Zukunft wartet nicht auf Autorisierung“

Dieser Ansatz wurde während der Übung in Seedorf in die Praxis umgesetzt. Soldaten der Fallschirm- Ingenieur-Kompanie 270 und des Fallschirmjägerregiments 31 trainierten nicht nur mit Drohnen, sie bauten sie auch. Aus dem Verständnis der einzelnen Bauteile schöpfend, entwickelten Soldaten eigene FPV-Drohnen, stellten Prototypen zusammen, testeten sie in Simulatoren und unter realen Bedingungen und verfeinerten sie kontinuierlich.

Nach Angaben des CIHBw umfasste der Prozess 3D-Drucker und kommerziell erhältliche elektronische Bauteile. Doch über den technischen Aspekt hinaus sagen Beamte, dass dieser Wandel eine breitere kulturelle Veränderung widerspiegelt. „Was wir beobachten, ist eine Abkehr des Soldaten vom reinen Anwender hin zu einem aktiven Designer“, sagte der Sprecher des CIHBw gegenüber Euronews.

„Das ist ein entscheidender Faktor für eine anpassungsfähige und widerstandsfähige Streitmacht.“ Die Begründung sei einfach: Schnelligkeit. „Die Zukunft wartet nicht auf Autorisierung“, sagte der Sprecher. „Wenn im Einsatz ein konkretes Problem besteht, ist der schnellste Weg, eine Lösung zu finden, oft der geradlinigste. Die Soldaten kennen ihre Anforderungen am besten.“

A soldier at the Spark Cell Seedorf at the Grand QUADRIGA 2026

A soldier at the Spark Cell Seedorf at the Grand QUADRIGA 2026


Indem Truppen die Entwicklung und den Test eigener Systeme ermöglichen, schaffen sie „Geschwindigkeit und operative Relevanz“. Gleichzeitig betont die Bundeswehr, dass es nicht darum geht, die Industrie zu ersetzen, sondern sie zu ergänzen. Das Ziel ist ein „hybrides Modell“, das zentral beschaffte Systeme mit dezentraler Anpassung und Entwicklung innerhalb der Truppe kombiniert, während Abhängigkeiten reduziert und die Flexibilität erhöht werden.

Nach Angaben des Sprechers ist die zentrale Frage nicht länger, ob Soldaten eigene Lösungen entwickeln sollten, sondern wie man sie effektiv organisiert. Das Cyber Innovation Hub der Bundeswehr fungiert als Brücke zwischen Truppen, Technologie und Start-ups und hilft dabei, Ideen aus dem Einsatzfeld in praktikable Lösungen zu verwandeln.

So genannte „Spark Cells“ sind darauf ausgelegt, sicherzustellen, dass Innovation nicht nur von oben nach unten kommt, sondern auch aus den Reihen selbst. Diese Einheiten erkennen früh Bedürfnisse, testen Lösungen und geben erfolgreiche Ansätze wieder ins System zurück.

Gleichzeitig betonen Beamte, dass inhouse-Entwicklungen im Einklang mit formellen Beschaffungsprozessen bleiben müssen. Es gibt Grenzen, insbesondere wenn es um hochsensible oder komplexe Systeme geht, aber innerhalb dieser Rahmenbedingungen soll den Soldaten mehr Spielraum für Innovationen eingeräumt werden.

Lennart Krüger

Lennart Krüger

Ich bin Lennart Krüger, Redakteur bei S-Bahn Hamburg. Ich schreibe über Stadtleben, Kultur und alles, was Hamburg bewegt – von neuen Projekten bis zu verborgenen Geschichten. Meine Leidenschaft: die Vielfalt dieser Stadt in Worte zu fassen.