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Mehr Tintenfische und Kraken in der Nordsee: Was hinter dem Boom steckt

27. August 2026

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In der Nordsee treten Kopffüßer in zunehmender Zahl auf. Fischer fangen mehr Tintenfische und Kraken, ein Trend, der vermutlich mit den steigenden Meerestemperaturen zusammenhängt.

Wenn man an die Nordsee denkt, denkt man an Garnelen, Hechtbarsch oder Kabeljau. Doch dieses Bild verändert sich: Mehrere Arten von Kopffüßern sind heute dauerhaft in der Nordsee präsent, während sie früher nur gelegentliche Besucher waren.

Die Nordsee wird zu einem Lebensraum für Kopffüßer

Steigende Wassertemperaturen spielen eine Schlüsselfunktion. Kopffüßer verfügen über vergleichsweise kurze Lebenszyklen und können sich daher rasch an veränderte Umweltbedingungen anpassen. Laut dem Thünen-Institut in Deutschland haben sich verschiedene Arten in den vergangenen Jahrzehnten ausgedehnt. Das Thünen-Institut ist ein bundeseigenes Forschungsinstitut, das unter anderem in den Bereichen Landwirtschaft, Wälder, Fischerei und Meere forscht und der Bundesregierung wissenschaftliche Beratung bietet.

Nach Angaben des Instituts pflanzen sich einige Tintenfische nun in der Nordsee fort und bilden dort eigene Bestände.

Arten wie der Kurzflossen-Tintenfisch ‚Illex coindetii‘ waren vor rund 100 Jahren noch selten. Heute leben sie dauerhaft in der Nordsee und vermehren sich dort.


The red squid (Illex coindetii) is characterised by its mantle, which is more strongly tapered.


Dies passt zu einer grundlegenden Veränderung in diesen Gewässern: 2025 war das wärmste Jahr seit Beginn der Messungen des Bundesamtes für Seeschiffahrt und Hydrografie (BSH) im Jahr 1969. Die durchschnittliche Oberflächentemperatur betrug 11,6 Grad, etwa 0,9 Grad über dem langjährigen Mittel.

Der Sommer 2025 war ebenfalls außergewöhnlich warm: Mit einem Durchschnitt von 15,7 Grad war er der wärmste Nordsee-Sommer seit Aufzeichnungen begannen. In Teilen der westlichen und südwestlichen Nordsee lagen die Temperaturen zeitweise mehr als zwei Grad über dem langjährigen Durchschnitt. Offizielle Daten für diesen Sommer sind noch nicht vollständig verfügbar, aber erwartet wird, dass die hohen Temperaturwerte anhalten.

Mehr Kopffüßer, weniger klassische Nordsee-Arten?

Die Veränderungen beschränken sich nicht auf Kopffüßer. Mit der Erwärmung des Wassers geraten kaltliebende Arten wie der Kabeljau unter Druck und verschieben ihre Verbreitungsgebiete. Zugleich verändern Tintenfische das Nahrungsnetz: Diese räuberischen Jäger ernähren sich von Fischen wie Hering, Sprotte, Wittling und auch Kabeljau.

Forscher untersuchen daher, in welchem Ausmaß wachsende Tintenfisch-Bestände die kommerziell wichtigen Fischarten beeinflussen.

Es profitieren nicht nur die Tintenfische von der wärmeren Nordsee: Auch Kraken werden häufiger gesichtet und gefangen. Jüngste Berichte aus dem Jahr 2026 sprechen von deutlich mehr Kraken in der südlichen Nordsee, insbesondere vor der Küste Belgiens. Dort berichten Fischer gelegentlich von großen Fängen.

Im deutschen Wattenmeer war ein lebender gekräuselter Octopus (‚Eledone cirrhosa‘) 2017 noch eine Seltenheit.

Curled octopus (Eledone cirrhosa), Moyle, Northern Ireland, United Kingdom

Curled octopus (Eledone cirrhosa), Moyle, Northern Ireland, United Kingdom


Heute ist der gekräuselte Octopus im deutschen Wattenmeer zwar noch selten, aber nicht mehr völlig unbekannt: BeachExplorer, eine wissenschaftlich kuratierte Online-Datenbank, in der Funde von Tieren, Pflanzen und anderen Organismen an den Küsten der Nordsee und Ostsee dokumentiert werden, beschreibt die Art als „in der Nordsee verbreitet“, mit einzelnen Nachweisen an der Wattenmeer-Küste.

Der wichtigste Unterschied ist, dass Tintenfische zehn Arme haben und Kraken acht. Tintenfische besitzen außerdem einen länglichen Körper mit Flossen und einem inneren Gladius, während Kraken einen runden Körper ohne Flossen und ohne Gladius haben.

Ein Gladius ist eine harte, kalkhaltige oder hornartige Stützstruktur im Inneren des Körpers eines Kopffüßlers. Sie verleiht dem Tier Stabilität und hilft ihm, seine Körperform zu bewahren.

Fischer entdecken eine neue Geschäftslinie

Die Tintenfisch-Fischerei ist inzwischen zu einer der bedeutenderen Kopffüßerfischereien im Nordostatlantik geworden. Da sich traditionelle Bestände verändern und die Fangmöglichkeiten für andere Arten eingeschränkt wurden, suchen Fischer nach neuen Einnahmequellen.

Nach Angaben des Thünen-Instituts haben sich die Fänge von Tintenfischen in der Nordsee in etwa 40 Jahren ungefähr verdreifacht. Bis zu 3.000 Tonnen werden jetzt jedes Jahr an Land gebracht.

Derzeit gibt es keine spezifischen Fangquoten für Nordsee-Tintenfische, und die wissenschaftliche Grundlage für eine solche Regulierung wird noch entwickelt.

Gleichzeitig gibt es ein Problem: Die Fischerei auf Kopffüßer ist bislang nicht in derselben Weise geregelt wie für viele traditionelle kommerzielle Fischarten. Forscher arbeiten daher an Optionen für eine nachhaltige Bewirtschaftung.

Mögliche Maßnahmen könnten Fangmengen umfassen, die regelmäßig an die Bestandsentwicklungen angepasst werden, ergänzt durch Fangpausen oder geschützte Gebiete für wichtige Laichgebiete. Dies würde bessere Daten über Bestände und die Auswirkungen der Fischerei auf das Ökosystem erfordern.

Auch die Laichgebiete sind noch nicht ausreichend bekannt. Auf einer Forschungsfahrt wurden beispielsweise Eimassen von Tintenfischen gefunden. Genaue Orte, an denen die Tiere regelmäßig in der Nordsee laichen und welche Gebiete für ihre Fortpflanzung besonders wichtig sind, sind noch nicht vollständig geklärt.

Noch keine klassische „Invasion“

Die Entwicklung als eine „Invasion“ zu bezeichnen, wäre nicht ganz zutreffend. Kopffüßer nehmen in der Nordsee zwar deutlich zu, aber der Trend ist Teil einer breiteren ökologischen Verschiebung.

Kopffüßer gehören daher in gewisser Weise zu den Gewinnern der wärmer werdenden Nordsee. Was heute noch ungewöhnlich erscheint, könnte künftig zu einer normalen Erscheinung in Deutschlands Küstengewässern werden.

Lennart Krüger

Lennart Krüger

Ich bin Lennart Krüger, Redakteur bei S-Bahn Hamburg. Ich schreibe über Stadtleben, Kultur und alles, was Hamburg bewegt – von neuen Projekten bis zu verborgenen Geschichten. Meine Leidenschaft: die Vielfalt dieser Stadt in Worte zu fassen.