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Meinung: Deutschland in der Intensivpflege – Eine Gefahr für ganz Europa

7. Juni 2026

Nach Deutschlands durchschlagendem Scheitern im Rennen um einen Sitz im UN-Sicherheitsrat ist eines klar geworden: Das Land befindet sich auf der Intensivstation. Ein Meinungsbeitrag des Chefredakteurs von Euronews, Claus Strunz.

Nach 16 Jahren Angela Merkels, geprägt von gravierenden Fehlentscheidungen in der Energiepolitik, der Wirtschafts- und Migrationspolitik, gefolgt von drei katastrophalen Jahren einer dysfunktionalen Koalition unter Olaf Scholz, driftet die Regierung unter Friedrich Merz nun auf einen historischen Tiefpunkt zu.

Germans might still find ways to rationalise the fact that the international community placed more trust in much smaller countries such as Portugal and Austria than in Germany, Europe’s leading power. Portugal has many friends around the world, enjoys considerable goodwill in Africa, and the UN Secretary-General is Portuguese. But the fact that neighbouring Austria has received significantly more votes is both a humiliation and a reality check.

Deutschland hat offensichtlich Vertrauen verloren und Glaubwürdigkeit vergeudet. Politisch wird es nicht mehr ernst genommen. Wirtschaftlich wird es zunehmend als nachlassende Macht gesehen. Lob kommt nun weitgehend nur noch aus seinen vergangenen Errungenschaften, denn „Made in Germany“ wird zunehmend mit hohen Kosten und Ineffizienz assoziiert. Deutschland ist zu einem Altenheim und zu einem Museum für eine Welt geworden, die nicht mehr existiert. Dennoch sollte es der Motor sein, der Europas Zukunft antreibt.

Wenn Deutschland nicht wieder auf die Beine kommt, wird die Europäische Union selbst in Gefahr geraten

Ist das fair?

Als stolzer Deutscher und Europäer fällt mir der folgende Satz schwer zu schreiben: Ja, es ist fair. Schlimmer noch, Deutschland hat dies selbst verschuldet.

Zu lange hat sich die Politik von ideologischen Projekten treiben lassen, die entweder der zukünftigen Prosperität abträglich waren oder schlicht irrelevant. Konservative haben sich in vielen Fällen zu Progressiven entwickelt und damit politisch an Relevanz verloren.

Europa verfügt bereits über jede Menge Parteien links. Folglich ist das lebenswichtige Gleichgewicht zwischen Pragmatismus und Ambition, zwischen Bewahren und Reformieren – Qualitäten, die einst im gesamten politischen Spektrum zu finden waren – verloren gegangen.

Heute gehen die Einsätze weit über die nächste Parlamentswahl, Lohnerhöhungen für Politiker, Verbote von Verbrennungsmotoren oder Debatten über Geschlechtsidentität hinaus. Von nun an ist Deutschlands Zukunft untrennbar mit Europas Zukunft verbunden.

Wenn Deutschland nicht wieder auf die Beine kommt, wird die Europäische Union selbst in Gefahr geraten. Es gibt einen Grund, warum man in Brüssel oft hört, mal scherzhaft, mal ernstlich besorgt: Die EU existiert solange, wie Deutschland zahlt.

Es ist daher Zeit für eine entschlossene Kehrtwende.

Werte haben nur dann Einfluss, wenn sie von Macht getragen werden

In einer Welt zunehmender Konkurrenz zählen wirtschaftliche Stärke, technologische Souveränität und politische Wirksamkeit. Werte bleiben wichtig, doch sie entfalten erst dann Einfluss, wenn sie von Macht getragen werden. Der Treibstoff dieser Wende ist einfach: Pragmatismus statt Ideologie.

Dies wird nicht durch Reden oder moralische Appelle gelingen, eine der unattraktivsten Gewohnheiten Westeuropas. Führung entsteht aus wirtschaftlicher Stärke, politischer Glaubwürdigkeit und der Fähigkeit, Probleme zu lösen.

Vier Bereiche sind für diese Mission der Neuausrichtung besonders wichtig:

Erstens muss Deutschland seine wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit wieder herstellen. Hohe Energiekosten, überbordende Bürokratie, langsame Digitalisierung und unzureichende Investitionen haben die größte Volkswirtschaft Europas geschwächt.

Ein starkes Europa braucht ein starkes Deutschland.

Frieden und Stabilität können nicht mehr als gegeben vorausgesetzt werden

Zweitens muss Deutschland seine Verteidigungsfähigkeiten wiederaufbauen und eine größere Verantwortung für die Sicherheit Europas übernehmen. Geopolitische Realitäten haben sich verändert. Frieden und Stabilität können nicht mehr als gegeben vorausgesetzt werden. Europa braucht glaubwürdige Abschreckung und strategische Fähigkeiten.

Ob es klug ist zu fordern, dass die Bundeswehr bis 2039 zur „stärksten konventionellen Armee Europas“ wird – genau hundert Jahre nach dem Überfall Nazideutschlands auf Polen – bleibt umstritten. Dennoch kommt es zumindest einem Plan näher.

Migration muss effektiver gesteuert werden

Drittens muss Deutschland Migration effektiver steuern. Menschlichkeit und Ordnung sind keine Gegensätze. Ein Land, das seine Grenzen nicht sichert, illegale Migranten selten abschiebt und die Kontrolle über unregelmäßige Einwanderung verliert, wird nicht ernst genommen. Sichere Grenzen, funktionierende Asylsysteme und erfolgreiche Integration sind Voraussetzungen für sozialen Zusammenhalt und Vertrauen in die demokratische Rechtsordnung.

Viertens muss Deutschland wieder zu einem Zentrum der Innovation werden. Künstliche Intelligenz, digitale Infrastruktur, fortgeschrittene Fertigung, wissenschaftliche Forschung und neue Energietechnologien werden den Wohlstand künftiger Generationen bestimmen.

Europa kann nicht weiterhin hinter den Vereinigten Staaten und China zurückfallen. Eine Nation, die einst im Bildungs- und Erfindungsbereich führend war, aber heute keine weltklasse Universität mehr beherbergt, im internationalen Bildungsranking abgerutscht ist, wenige große wissenschaftliche Preise gewinnt, globale Standards nicht mehr setzt, Forschung durch Regulierung belastet, KI überreguliert, die Kernforschung aufgibt, sich von Innovationen im Bereich Verbrennungsmotoren abwendet und Fortschritte in der Genetik ablehnt, wird Schwierigkeiten haben, mit den innovativsten Ländern der Welt zu konkurrieren.

Europa braucht ein starkes, verlässliches Deutschland

Um es klar zu sagen: Das ist kein Plädoyer für eine Dominanz Deutschlands.

Was Europa braucht, ist ein Deutschland, das verlässlich, stark und handlungsfähig ist. Ein Partner für Frieden und Wohlstand. Wenn Deutschland sich erneuert, kann es Europa wieder Schwung geben. Scheitert es, wird es für den ganzen Kontinent deutlich schwieriger, Wohlstand, Sicherheit und Einfluss zu bewahren.

Die gute Nachricht lautet: Es ist nie zu spät – man muss nur beginnen.

Im Jahr 1648 wurde der Westfälische Friede geschlossen, der den Dreißigjährigen Krieg beendete, der Deutschland besonders verwüstet hatte und in vielen Regionen Mitteleuropas sogar entvölkert war. Der Vertrag markierte das Ende des Krieges durch einen pan-europäischen Friedenskongress und wurde zum Ausgangspunkt der modernen europäischen Diplomatie.

Im Jahr 1945 lagen Deutschland und Europa in Trümmern. Es folgte Wiederaufbau, Versöhnung und der Aufbau europäischer Zusammenarbeit. Wohlstand und Fortschritt entstanden.

1990 endete der Kalte Krieg. Die deutsche Wiedervereinigung folgte, der Eiserne Vorhang, der Europa geteilt hatte, verschwand, und für die meisten Europäer bedeutete dies erneut Demokratisierung, Wiederaufbau und die Weiterentwicklung Europas zum Wohl aller.

Jetzt muss ein neuer Anfang für Deutschland und Europa stattfinden. Nicht morgen, jetzt.

Es gibt zwei Wege aus der Intensivpflege: Einer führt zurück ins Leben, der andere in eine End-of-Life-Versorgung.

Kanzler Merz wird entscheidenden Einfluss darauf haben, in welche Richtung Deutschland – und Europa – gehen. Er kann in Geschichtsbüchern als der Arzt, der den Patienten rettete, verewigt werden, oder als der Totengräber.

Lennart Krüger

Lennart Krüger

Ich bin Lennart Krüger, Redakteur bei S-Bahn Hamburg. Ich schreibe über Stadtleben, Kultur und alles, was Hamburg bewegt – von neuen Projekten bis zu verborgenen Geschichten. Meine Leidenschaft: die Vielfalt dieser Stadt in Worte zu fassen.